Efeu - Die Kulturrundschau
Irgendeine geheime Enthüllung
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
Kunst
Weitere Artikel: Oliver Koerner von Gustorf stellt in monopol den Maler Felix Giesen vor, der sich in seinen Bildern mit der "Manosphere" beschäftigt. Besprochen werden die Ausstellung "Lovis Corinth. Dann kam Berlin!" in der Berlinischen Galerie (Tsp), die Ausstellung "Die Kids sind nicht alright! 2" in der Galerie Adlershof im Kulturzentrum Alte Schule in Berlin (taz) und eine Ausstellung der Fotografin Heidi Specker mit dem Titel "DamenzimmerHerrenschnitt" zum Nachlass der Avantgardefotografin Aenne Biermann in der gfzk - Galerie für zeitgenössische Kunst in Leipzig (taz).
Bühne

Einer echten "Ost-Ikone" widmet sich Janek Liebetruths dokumentarisches Theaterstück "Freiheit:Simson", das im Gewerbepark Simson in Suhl aufgeführt wird. "Jenseits aller Ostalgie" arbeitet das Stück die Geschichte der Simson-Schwalbe auf, dem berühmten DDR-Moped, das auch heute noch als Kultobjekt gehandelt wird. Es ist das richtige Stück am richtigen Ort, versichert Torben Ibs in der FAZ, im Publikum gibt es zustimmendes Gemurmel, obwohl hier nichts beschönigt wird: "Wir sehen, wie Ewald Mayer unter den gestrengen Augen des in Leder gekleideten Nationalsozialisten die Firma der NSDAP aushändigt, später diskutiert der Werksleiter bei einem Cognac ('keine Goldkrone') mit einem potentiellen Nachfolger über dessen Eintritt in die SED, während die Betriebsärztin über schlechte Gesundheitswerte in der Galvanik klagt, wo nur Frauen arbeiten. Es sind kurze und längere Szenen, meist als Gespräche organisiert, und der Fokus liegt klar auf der Geschichte des Werks im Realsozialismus und dient wahrlich nicht der Verklärung dieser Zeit: Mangel und Probleme, wohin man sieht."
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine" über Christoph Schlingensief im Berliner Gropius-Bau (FAZ), Frank Castorfs Inszenierung von Klaus Manns "Mephisto" am Berliner Ensemble (NZZ) und Hakan Savaș Micans Inszenierung von Fatma Aydemirs Roman "Dschinns" am Hamburger Thalia Theater (taz).
Film

In der Geschichte der Gegenwart ärgert sich der Historiker Tobias Becker über die fünfte und letzte Staffel der ARD-Erfolgsserie "Babylon Berlin", die die in der Weimarer Republik angesiedelte Krimireihe mit dem Beginn der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten enden lässt: "Als Mahnung zur Erinnerung gedacht, ist sie zugleich ein Zeichen historischer Vergesslichkeit." Der Thriller-Plot dreht sich um eine Akte, die belegt, dass Hitler im Ersten Weltkrieg eine Erblindung simuliert haben soll, um sich dem Kriegsdienst zu entziehen - dabei tut die Serie gerade so, als hänge vom Veröffentlichen dieser Akte das Wohl und Wehe der deutschen Geschichte ab, "als hätte irgendeine geheime Enthüllung über Hitler die Deutschen zur Vernunft gebracht. Ebenso unglaubwürdig ist die Vorstellung, ein deutscher Kriminalkommissar hätte, statt Karriere zu machen, sich bereits 1933 dem Widerstand angeschlossen und sich dann sogar an einem Bombenattentat auf Hitler beteiligt. ... Wozu überhaupt Verschwörungen konstruieren, wo Hitler doch ganz offen verkündete, was er vorhatte und ein guter Teil der Deutschen ihn dennoch - oder gerade deswegen - unterstützte und wählte?" Und wie kann es sein, "dass es in 'Babylon Berlin' nicht einmal eine Handvoll jüdischer Figuren gibt und keine davon eine Hauptrolle spielt?" So endet die Serie dann auch "statt mit befreiten Konzentrationslagern mit ausgebombten Häusern, dem Ursymbol deutschen Leides".
Mit großer Freude berichtet Daniel Kothenschulte im Filmdienst von seinem Besuch beim Festival "Archival Assembly", bei dem sich im Berliner Kino Arsenal alle zwei Jahre Filmarchivare aus allen Ländern und Kontinenten einfinden, um die neuesten Entdeckungen aus ihren Beständen vorzustellen. So offenbarte etwa die neue Restaurierung von Flora Gomes' 1988 in Guinea-Bissau entstandenem "Mortu Nega" ein "Meisterwerk in neuem Glanz. Der Film aus der Endphase des Unabhängigkeitskampfes 1973 erinnert an die Rolle von weiblichen Kämpfern, die zugleich für das Frauenwahlrecht kämpften. Selten hat man einen zärtlicheren Film vor dem Hintergrund eines Bürgerkriegs gesehen als dieses von Liedern und mythologischen Traumsequenzen durchbrochene Filmgedicht." Aber auch die Erschließung des Werks durch Kurt und Christine Rosenthal ließ aufmerken: Die beiden bewegten sich "im Umfeld der Hamburger Filmkooperative und des Studio Cinegrafik von Helmut Herbst zwischen Animation, Foto- und Dokumentarfilm. Während ihrer Zeit in Peru schufen die Rosenthals ... etwa das unbekannte Meisterwerk 'Made in USA', ein stilistisch aufregend innovativer Exkurs über das Leben in Chile vor und nach dem Militärputsch."
Netanjahu will die Whistleblower in Yuval Abrahams und Rachel Szors "NAZA" ausfindig machen und sanktionieren, berichtet Katharina Rustler im Standard unter Rückgriff auf den Guardian. "Was Netanjahu gerade tut, wird eine abschreckende Wirkung auf den Journalismus in Israel haben", sagt Regisseur Abraham im Gespräch mit dem ZeitMagazin. "Er versucht nicht nur, die Soldaten anzugreifen, die im Film sprechen, sondern sicherzustellen, dass es in Zukunft keine israelischen Soldaten und Geheimdienstoffiziere mehr gibt, die mit Journalisten sprechen. Selbst wenn man unseren Film nicht mag oder Kritik daran hat, schadet das, was Netanjahu tut, dem Journalismus in Israel insgesamt. Ich finde auch widersprüchlich, dass Netanjahu und andere Kritiker zuerst sagten, der Film sei voller Lügen. Und jetzt sagt Netanjahu, die Soldaten würden im Film Geheiminformationen verraten. Beides zusammen ergibt keinen Sinn."
Weiteres: Tobias Sedlmaier schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den im Alter von nur 34 Jahren gestorbenen Schauspieler R. J. Mitte, der in "Breaking Bad" den Sohn von Walter White gespielt hat. Besprochen werden Georgia Oakleys Neuverfilmung von Jane Austens "Sinn und Sinnlichkeit" (taz, FAZ), Romain Gavras' "Sacrifice" (SZ) und die Autobiografie von Kirk Douglas (NZZ).
Musik
Weitere Artikel: Helmut Mauró schaut sich in der SZ beim Piano-Nachwuchs um und trifft dabei unter anderem auf Nikola Meeuwsen und Lukas Sternath.
Literatur

Lothar Müller freut sich in der SZ über hundert Jahre "Pu der Bär": A. A. Milnes' von Harry Rowohlt kongenial übersetzter Jahrhundertklassiker der Kinderbücher "erzählt vom Ausgang aus der Welt der Mündlichkeit und dem Vorschulalter, ohne die Propaganda für das Glück des Lesenkönnens an die erste Stelle zu setzen. Es lockt in die Welt der Buchstaben und des Buchstabierens hinein und lässt zugleich das alte Unbehagen an der Schrift zu Wort kommen. ... ... Die Erinnerung an die Zeit, als die Buchstaben vom aufrechten Gang noch ein ganzes Stück entfernt waren, lässt sich mit 'Winnie-the-Pooh' erfolgreich wachrufen."
Außerdem: In der NZZ schreibt Aldo Keel über die Island-Begeisterung der diesjährigen Literaturnobelpreisträgerin Anne Carson, die während der Pandemie in Reykjavik gestrandet ist, kurzerhand blieb und seit 2022 die isländische Staatsbürgerschaft hat.
Besprochen werden unter anderem Alexandra Schneiders vorerst nur in Österreich startender Dokumentarfilm "Sowieso und überhaupt" über die 2018 verstorbene Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger (Standard), Ruth-Maria Thomas' "Die zweitgrößte Liebe" (NZZ) und Jacob Eders "Jenseits der Staatsräson. Erinnerung, Antisemitismus und der Nahostkonflikt" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.



