Susanne Wolff und Lars Eidinger suchen ein Heim VölkerSchlöndorff hat JennyErpenbecks Roman "Heimsuchung" fürs Kino adaptiert. Kamil Moll ist im Filmdienst davon nicht überzeugt: Der Regisseur habe "übereifrig nicht nur ein literarisches Werk, sondern zugleich auch dessen Lektürehilfe als Beigabe mitverfilmt". Auf die "polemische Schärfe" aus Erpenbecks Roman, der die Geschichte des 20. Jahrhunderts anhand eines Hauses am Scharmützelsee erzählt, verzichte Schlöndorff, er "spart sich geschmackvoll alles Allzu-Dramatische. ... Doch wie viel Zurückhaltung und kultivierte Achtsamkeit tun der Adaption eines Buches gut, das den kräftigen, deutlichenEffekt nicht scheute? 'Heimsuchung' wird dabei schnell zu einem Film, der den eigenen Mitteln nicht vertraut und den Zuschauern bevormundend unterstellt, sich nicht eigenständig eine von Auslassungen und Allusionen dominierte Geschichte erschließen zu können."
Ja, "Schlöndorff beherrscht das Handwerk des Glättens aus langer Erfahrung perfekt", seufzt in der FAZ auch Andreas Kilb, der darüber staunt, dass Schlöndorff seine vierzehnte Literaturverfilmung vorlegt: "Dabei fällt im Rückblick auf, dass Schlöndorff oft am besten inszeniert, wenn er sich nicht auf Romanvorlagen stützt, weil er dann (...) nicht nach Fahrplan erzählen muss, sondern seine Stoffe frei entfalten kann". "Heimsuchung" liefere lediglich "belanglose Postkartenbildern", Schlöndorff fehle einfach das "Gespür für den Moment, in dem die Oberfläche des Geschehens den Blick in die Tiefe freigibt". Der Regisseur "ist seinen großen Vorbildern von der Nouvelle Vague so nah wie schon lange nicht mehr", schreibt indessen Fritz Göttler in der SZ: "Die Zeit, die vergeht, eingefangen in kleinste Details. Mal ist Hitler auf der Briefmarke, mal Honecker." Wolfgang Hamdorf hat für den Filmdienst mit Schlöndorff gesprochen.
Chris Evans in "Sacrifice" Schwerreiche Menschen diskutieren in Griechenland bei einem Charity-Event über die Folgen des Klimawandels - bis Terroristen das Event kapern. Nicht ganz von ungefähr erinnertRomainGavras' "Sacrifice" Perlentaucher Michael Kienzl an Ruben Östlunds Millionärs-Groteske "The Triangle of Sadness" (unsere Kritik) und vergleichbare Filme der letzten Jahre, "deren Protagonisten weder über Scham noch über einen Funken an Selbstreflexion verfügen. ... Die Mischung aus Gesellschaftssatire und Abenteuerfilm, an der sich Gavras (...) versucht, wirkt insgesamt ein wenig abgedroschen, unausgegoren und wild zusammengewürfelt. Doch 'Sacrifice' hat durchaus seine Stärken, nicht nur optisch." Immerhin: "Trotz des mittelprächtigen Ausgangsmaterials gelingt es den Schauspielern - ob ChrisEvans als selbstverliebtem Hanswurst oder AnnaTaylor-Joymit einnehmend psychotischer Sexiness - 'Sacrifice' auf nur gelegentlich wackeligen Beinen zu tragen." Auch tazlerin Arabella Wintermayr macht angesichts dieser "erstaunlich tristen Inselwanderung" ein langes Gesicht.
Weiteres: Arno Widmann erinnert in der FR an WolfgangStaudtes vor achtzig Jahren uraufgeführtem Film "Die Mörder sind unter uns". Besprochen werden SebastianBrameshubers "London" ("Es macht Spaß zuzuschauen, wie allein durch Sprache Nichtanwesendes wuchtig präsent wird", schreibt Tilman Schumacher im Perlentaucher, mehr zum Film bereits hier), die Heimkino-Ausgabe von Gala del Sols "Rains Over Babel" (tazler Ekkehard Knörer staunt über die "sensorische Überlast" des Films, bei der "alles immer aufs Neue überraschende, zwischen Punk, Drag und Dante schillernden Razzle und Dazzle performt"), CarolineKox' Jelinek-Verfilmung "Liebhaberinnen" (Zeit), DylanSoutherns Drama "Das Ding mit Federn" mit Benedict Cumberbatch (FR), GeorgiaOakleys Neuverfilmung von Jane Austens "Sinn und Sinnlichkeit" (Standard), BrianDuffields Horrorfilm "Whalefall" (FR, SZ) und eine Arte-Doku über die Sprengung des Marseiller Hafenviertels im Jahr 1943 (Zeit).
Szene aus der fünften Staffel "Babylon Berlin" In der Geschichte der Gegenwartärgert sich der Historiker Tobias Becker über die fünfte und letzte Staffel der ARD-Erfolgsserie "Babylon Berlin", die die in der Weimarer Republik angesiedelte Krimireihe mit dem Beginn der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten enden lässt: "Als Mahnung zur Erinnerung gedacht, ist sie zugleich ein Zeichen historischer Vergesslichkeit." Der Thriller-Plot dreht sich um eine Akte, die belegt, dass Hitler im Ersten Weltkrieg eine Erblindung simuliert haben soll, um sich dem Kriegsdienst zu entziehen - dabei tut die Serie gerade so, als hänge vom Veröffentlichen dieser Akte das Wohl und Wehe der deutschen Geschichte ab, "als hätte irgendeine geheime Enthüllung über Hitler die Deutschen zur Vernunft gebracht. Ebenso unglaubwürdig ist die Vorstellung, ein deutscher Kriminalkommissar hätte, statt Karriere zu machen, sich bereits 1933 dem Widerstand angeschlossen und sich dann sogar an einem Bombenattentat auf Hitler beteiligt. ... Wozu überhaupt Verschwörungen konstruieren, wo Hitler doch ganz offen verkündete, was er vorhatte und ein guter Teil der Deutschen ihn dennoch - oder gerade deswegen - unterstützte und wählte?" Und wie kann es sein, "dass es in 'Babylon Berlin' nicht einmal eine Handvoll jüdischer Figuren gibt und keine davon eine Hauptrolle spielt?" So endet die Serie dann auch "statt mit befreiten Konzentrationslagern mit ausgebombten Häusern, dem Ursymbol deutschen Leides".
Mit großer Freude berichtet Daniel Kothenschulte im Filmdienst von seinem Besuch beim Festival "Archival Assembly", bei dem sich im Berliner Kino Arsenal alle zwei Jahre Filmarchivare aus allen Ländern und Kontinenten einfinden, um die neuesten Entdeckungen aus ihren Beständen vorzustellen. So offenbarte etwa die neue Restaurierung von FloraGomes' 1988 in Guinea-Bissau entstandenem "Mortu Nega" ein "Meisterwerk in neuem Glanz. Der Film aus der Endphase des Unabhängigkeitskampfes 1973 erinnert an die Rolle von weiblichen Kämpfern, die zugleich für das Frauenwahlrecht kämpften. Selten hat man einen zärtlicherenFilm vor dem Hintergrund eines Bürgerkriegs gesehen als dieses von Liedern und mythologischen Traumsequenzen durchbrochene Filmgedicht." Aber auch die Erschließung des Werks durch Kurt und Christine Rosenthal ließ aufmerken: Die beiden bewegten sich "im Umfeld der Hamburger Filmkooperative und des Studio Cinegrafik von Helmut Herbst zwischen Animation, Foto- und Dokumentarfilm. Während ihrer Zeit in Peru schufen die Rosenthals ... etwa das unbekannte Meisterwerk 'Made in USA', ein stilistisch aufregend innovativer Exkurs über das Leben in Chile vor und nach dem Militärputsch."
Netanjahu will die Whistleblower in YuvalAbrahams und RachelSzors "NAZA" ausfindig machen und sanktionieren, berichtet Katharina Rustler im Standard unter Rückgriff auf den Guardian. "Was Netanjahu gerade tut, wird eine abschreckende Wirkung auf den Journalismus in Israel haben", sagt Regisseur Abraham im Gespräch mit dem ZeitMagazin. "Er versucht nicht nur, die Soldaten anzugreifen, die im Film sprechen, sondern sicherzustellen, dass es in Zukunft keine israelischen Soldaten und Geheimdienstoffiziere mehr gibt, die mit Journalisten sprechen. Selbst wenn man unseren Film nicht mag oder Kritik daran hat, schadet das, was Netanjahu tut, dem Journalismus in Israel insgesamt. Ich finde auch widersprüchlich, dass Netanjahu und andere Kritiker zuerst sagten, der Film sei voller Lügen. Und jetzt sagt Netanjahu, die Soldaten würden im Film Geheiminformationen verraten. Beides zusammen ergibt keinen Sinn."
Weiteres: Tobias Sedlmaier schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den im Alter von nur 34 Jahren gestorbenen Schauspieler R. J. Mitte, der in "Breaking Bad" den Sohn von Walter White gespielt hat. Besprochen werden Georgia Oakleys Neuverfilmung von Jane Austens "Sinn und Sinnlichkeit" (taz, FAZ), Romain Gavras' "Sacrifice" (SZ) und die Autobiografie von Kirk Douglas (NZZ).
Das Auto als Begegnungsraum in Sebastian Brameshubers "London". Ein Mann nimmt für seine Fahrten auf der Autobahn zwischen Salzburg und Wien Beifahrer mit, um Benzingeld zu sparen, Gespräche entblättern sich - so die einfache Prämisse des Spielfilmdebüts "London" von Sebastian Brameshuber, der ansonsten Dokumentarfilme dreht. Dass der Film seine Gespräche nicht auf der Autobahn selbst, sondern wie einst das klassische Hollywood im Studio vor einer Rückprojektion aufnimmt, ist das i-Tüpfelchen, das Lukas Foerster bei critic.de endgültig begeistert: "Es geht in den Gesprächen im Auto - mal direkt, mal indirekt, im Ungesagten - um Migration, um wirtschaftliche Zwänge, um alte und neue Kriege, um die Last der klobigen nationalsozialistischen Vergangenheit und so weiter. ... Brameshuber stellt etwas her, was es in unserer medialen Gegenwart, in der sich zumindest im digitalen Raum bald alle gegenseitig geblockt haben, immer seltener gibt: eine Form, in der alles verhandelt und zwar nichts endgültig geklärt und beigelegt, aber manches vielleicht doch ein wenig tiefer durchdrungen werden kann. ... Der Film legt eine unhintergehbare Voraussetzung jedes sinnvollen gesellschaftlichen Dialogs offen - und erfüllt sie: die voraussetzungslose Begegnung zweier autonomer Individuen." Weitere Artikel: "Es gibt Festivals, die sind einfach nur schön", schwärmt Annette Brauerhoch in ihrem Bericht für critic.de vom Auftakt des noch bis 14. Oktober laufenden Münchner DokumentarfilmfestivalsUnderdox. In ihrer Reihe zum Neuen Deutschen Gangsterfilm widmet sich Silvia Szymanski ebenfalls auf critic.deÖzgürYildirims "Blutzbrüdaz" von 2012. Jakob Biazza plaudert in der SZ mit dem Schauspieler DavidDuchovny.
Besprochen werden Mykyta Gibalenkos "Camouflage", der laut tazler Jens Balkenborg "viel UniversellesüberIdentität, HeimatundMigration" erzählt, und die auf MagentaTV gezeigte Serie "Droneland" (FAZ).
Seit Claude Lanzmanns Kritik an Spielbergs "Schindlers Liste" halten die Debatten in Filmwissenschaft und Cinephilie über die Darstellung des Holocaust im Film an. In seinem den filmhistorischen Fundus collagierenden Essayfilm "Holofiction" versucht der Filmemacher MichalKosakowski "mit einer experimentellen Herangehensweise eine Antwort zu finden", schreibt Vincent Lotz in der Jungle World: Die "Montage der Einstellungen aus dem Holocaust-Kino legt das visuelle Vokabular frei, auf das dieses Genre immer wieder zurückgreift: Motive, Bildarchitekturen, Einstellungsgrößen, Kameraperspektiven, Lichtsetzungen, einzelne Darsteller:innen und ihre Körperhaltungen wurden über Jahrzehnte hinweg in den unterschiedlichsten Produktionen wiederholt. Klaus Kinski, Willem Dafoe, Christoph Waltz, August Diehl und andere begegnen sich selbst: einmal als Opfer, einmal als Täter. ... Doch der Film unterschlägt etwas, nämlich die Unterschiede in seinem Ausgangsmaterial. Filme wie der trashige Exploitation-Streifen 'Ilsa: She Wolf of the SS' werden demselben Prinzip unterworfen wie 'Die letzte Etappe', das polnische Drama von 1948, das als erster Film über den Holocaust gilt; die Regisseurin WandaJakubowska verarbeitet darin ihre Erfahrungen im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau."
Julia Pühringer ärgert sich im Standard über die ineinander greifenden "Filtersysteme", die Filme von Frauen und Queers systematisch aus der Filmgeschichte raushalten, wenn sie sie nicht gleich von vornherein verunmöglichen: "Noch nie hat eine Frau nach einer Handvoll Musikvideos Millionenbudgets anvertraut bekommen. ... Filme von (weißen, hetero-) Männern werden zudem permanent überhöht. ... Auch ihre schlechten Filme können Kultfilme werden, sogar gerade aus diesem Grund. Das kommt bei Filmen von Regisseurinnen nicht vor. Das Zeitbudget, das Filmen von Männern gewidmet wird, ist ungleich größer. ... Filmfans haben Filme von noch so unbekannten Regisseuren aus den 1970er-Jahren öfter gesehen als das Œuvre von Regisseurinnen. Das hat eine weitreichende Wirkung darauf, wie Filmgeschichte erzählt wird, wer darin Prestige hat."
Außerdem: Sophia Coper berichtet in der FAZ vom postmigrantischen Filmfestival "Kino Central" im sächsischen Werdau. Wieland Freund geht in der Welt der wahren Geschichte hinter dem Netflix-Horror-Hit "Die Geschichte von Lizzie Borden" auf den Grund. Besprochen werden NaHong-jins SF-Horroractionkomödie "Hope" (SZ, unsere Kritik) und BrianDuffields Horrorfilm "Whalefall", der im Innern ein Wales spielt (NZZ am Sonntag).
Volker Schlöndorffs Verfilmung von Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung" kommt zur rechten Zeit, so Richard Kämmerlings in der Welt, denn das Buch ist in vielen Bundesländern Abi-Lektüre. Buch und Film erzählen von einem Haus am See, das mit seinen verschiedenen Besitzern die ganze Geschichte des 20. Jahrhunderts miterlebt, wobei das Buch deutlich aufregender ist als die Verfilmung, findet Kämmerlings: "'Heimsuchung' ist ein Film, der formal wie inhaltlich äußerstkonventionell bleibt und fast ausschließlich von den herausragenden Schauspielern lebt. Angela Winkler spielt eine kleine, aber eindringliche Nebenrolle als Vertriebene aus dem Osten: Ein ganzes Lebensdrama spielt sich in ihrem Gesicht ab. Sogar der als Oskar Matzerath in die Kinogeschichte eingegangene David Bennent hat einen brillant-schrägen Kurzauftritt als deutscher Landser im letzten Aufgebot. Am stärksten bleibt Susanne Wolff im Gedächtnis, die in der Vergewaltigungsszene mit dem blutjungen russischen Soldaten all die Wut und Gier und Verzweiflung eines vergeudeten Lebens in die Szene legt."
Auch für Bert Rebhandl in der FAS ist der Film kein uneingeschränktes Vergnügen, was aber auch an einem grundlegenden Problem liegt, denn Literaturverfilmungen haben für ihn "immer einen Aspekt von Enteignung. Bücher sind in der Lektüre ein persönlicher Besitz, sobald man aber Lars Eidinger als den Architekten gesehen hat, gehört einem Jenny Erpenbecks Roman nicht mehr so richtig. Das gilt auch für Hunderte andere Beispiele, aber nicht oft für ein Buch wie 'Heimsuchung', das geradezu um diese Bedingungen eines verstohlenen, unteilbaren, manchmal auch unmöglichen Blicks auf große Geschehnisse gebaut ist."
Weiteres: Peter Weissenburger nimmt für die taz das neue Kieler Tatort-Ermittlerduo unter die Lupe, für die FAZ schaut Tilman Spreckelsen deren ersten Fall "Unter Freunden", Markus Ehrenberg schaut für den Tagesspiegel rein, Marion Löhndorf schaltet für die NZZ ein. Maria Wiesner schwelgt auf den "Bilder und Zeiten"-Seiten der FAZ in Erinnerungen an "Fahrstuhl zum Schafott" mit Jeanne Moreau, Maurice Ronet und LinoVentura. Für Filmdienstschreibt Philipp Stadelmeier über F. W. Murnaus "Faust"-Verfilmung von 1926.
Besprochen werden: Aron Lehmanns "Lügen über meine Mutter" nach dem Roman von Daniela Dröscher (Standard) und Andreas Dresens "Alte Liebe" (FAZ, Zeit).
"Hope" von Na Hong-jin Action-Connaisseure kommen in NaHong-jins neuem, zuvor im Wettbewerb von Cannes gezeigtem Film "Hope" voll auf ihre Kosten, schreibt Robert Wagner im Perlentaucher. Die über zweieinhalb Stunden reichlich vollgepackte SF-Horrorkomödie handelt von Turbulenzen rund um eine Monsterinvasion in Südkorea, aber auch vom Konflikt zwischen den beiden koreanischen Staaten. In den atemlosen Actionszenen "umkreist die Kamera das Geschehen, schnellt auf es zu, wird von ihm abgehängt. Die Inszenierung kitzelt ständig Adrenalin, KomikundSchönheit heraus. Ihr entscheidendes Merkmal ist die Distanz, die sie mal ein wenig, mal entschieden sucht. Weite Teil des Films sind mit einem Weitwinkelobjektiv gedreht, das nicht einfach nur die Action einfängt, sondern sie als einen organischen Teil der Welt zeigt. Enge Straßenschluchten evozieren die weitläufige Stadt, der begrenzte Raum zwischen Baumstämmen den weiten Wald. Die Action und die Bilder sind immer klar, übersichtlich, verständlich. Überhaupt ist alles simpel in diesem Film - alles außer den Monstern."
Einen typisch südkoreanischen Film sah Rüdiger Suchsland von Artechock: "Ein Film, der im selben Moment sehr kommerziell ist und trotzdem sehr 'auteur', also eine individuelle persönliche Handschrift trägt. ... In einem Moment, in dem das US-amerikanische Actionkino in erschöpften Formeln und Franchises gefangen zu sein scheint, die sich nicht mehr neu erfinden können, erscheint 'Hope' damit wie der Versuch, alles niederzureißen: ein Film, der das Actionkino bis an die äußerste Grenze von Exzess und visuellem Delirium vorantreibt."
Weitere Artikel: Dunja Bialas wirft für Artechock einen Blick ins Programm des Underdox-Festivalsin München. Dort läuft auch MichalKosakowskis Essayfilm "Holofiction" über den Niederschlag des Judenmordes der Deutschen in der Film- undMediengeschichte - hier auf Artechock erinnert sich der Regisseur daran, wie unterschiedlich sein Film auf internationalen Festivals diskutiert wurde. Florian Weigl berichtet für critic.de vom FilmfestHamburg. Und die wöchentliche Kinokolumne von Rüdiger Suchsland auf Artechock.
Besprochen werden AaronSorkins "The Social Reckoning" (taz, Artechock, Welt, unsere Kritik), Michael Showalters "Verity" (Artechock, unsere Kritik), AronLehmanns Verfilmung von DanielaDröschersRoman "Lügen über meine Mutter" (Welt), Andreas Dresens "Alte Liebe" (Artechock, Welt, SZ) und eine auf Netflix gezeigte Neu-Interpretation von "Jenseits von Eden" (Artechock).
Jeremy Strong als Mark Zuckerberg in "The Social Reckoning" In "The Social Network" hatte sich AaronSorkin - damals noch als Drehbuchautor - mit der Entstehung von Facebook beschäftigt, in "The Social Reckoning" befasst er sich nun diesmal auch als Regisseur mit FrancesHaugensFacebook-Leaks von 2021. Diese machten offenkundig, wie sehr die Algorithmen des "sozialen" Netzwerks emotionale Zuspitzung, Skandalisierungen und Falschinformationen begünstigten. Eine "gut geölte Filmmaschine" erlebtePerlentaucherin Katrin Doerksen im Kino - und insbesondere in den Szenen, in denen MarkZuckerberg dafür gecoacht wird, bei öffentlichen Auftritten und Hearings weniger roboterhaft zu wirken, passt dieser Film einfach in unsere "Zeit, in der die auf Meta-Plattformen geteilten Nachrichten inklusive jenen von KI-Agenten, die womöglich in ein paar Jahren die Menschheit auslöschen könnten, nicht selten klingen, als wären sie einer überdrehten James-Bond-Parodieentsprungen. Die Zeit, in der Hollywood Tech-Gründer und CEOs als zwar ambivalente, letztlich aber genialeRockstars porträtierte, ist endgültig vorbei."
Durchaus "ironisch" findet es Valerie Dirk im Standard, dass Sorkin seinen Film "als Whistleblower-Heldinnengeschichte erzählt, obwohl alles nur nochschlimmer wurde". Der Regisseur "versucht, komplexe Vorgänge durch seine zeitlich ausgewiesene Erzählstruktur nachvollziehbar zu machen. Sein Fokus liegt nicht auf kinematografischer Virtuosität, sondern darauf, einen packendenJournalismus-Thriller (...) zu erzählen." Diese "altmodischeGeradlinigkeit ist vielleicht die größte Stärke dieses Politthrillers, der unfairerweise immer im Schatten seines virtuoseren Vorgängers stehen wird. Dabei hatte der 2010 einen entscheidenden Vorteil: Obwohl er bereits sechs Jahre nach Gründung von Facebook spielte, galt er als neu, visionär. Die Schnelligkeit der sozialen Medien hat dagegen die Neuigkeitswährung derart beschleunigt, dass 'The Social Reckoning' bereits vier Jahre nach Aufdecken der Facebook Files alt wirkt." Andrian Kreye staunt in der SZ darüber, wie Sorkin es gelungen "ist, das Grundproblem des Kinos der Gegenwart zu bewältigen. Nichts ist optisch fader als das, was sich in einem Computer abspielt. Und so vieles in der Welt ist in diese elektrischen Eingeweide gerutscht, auch Macht und Missbrauch. Sorkin schafft das Kunststück, daraus einen Thriller zu machen." Weitere Besprechungen auf Filmstarts und in FAZ, Zeit und Tagesspiegel.
Weitere Artikel: Jan Küveler spricht für die Welt mit dem koreanischen Regisseur NaHong-jin über dessen SF-Horrorkomödie "Hope", die Daniel Kothenschulte in der FRbespricht. Patrick Heidmann spricht in der FAZ mit dem Schauspieler RobertPattinson. David Steinitz (SZ) und Jürgen Kaube (FAZ) schreiben Nachrufe auf die 102-jährig verstorbene Schauspielerin Eva Marie Saint. Unvergessen, wie sie einst Cary Grant in Hitchcocks "North by Northwest" mit kühl-kontrolliertem Understatement an die Wand spielte:
Besprochen werden Andreas Dresens "Alte Liebe" (FR, taz), die auf Arte gezeigte Mini-Serie "Die Revoluzzer" über Frankreich nach dem Mai '68 (FD) und Aron Lehmanns Verfilmung von DanielaDröschersRoman "Lügen über meine Mutter" (Zeit).
"Die toten Augen von London" von Alfred Vohrer Auf critic.deempfiehlt Robert Wagner die von Perlentaucher-Kritiker Lukas Foerster und Christoph Draxtra kuratierte Nürnberger Retrospektive mit Filmen von AlfredVohrer, der im BRD-Unterhaltungskino der Fünfziger- bis Siebzigerjahre seinen Peak hatte und insbesondere durch seine oft wahnwitzigen Kameraspielereien auf sich aufmerksam machte. "Statt um die Geschichte geht es um Bilder, die uns das Altbekannte grell und überzogen präsentierten." Kanonisiert oder für seine Experimente gar vom Neuen Deutschen Film umarmt wurde Vohrer freilich nie: "Das größte Problem für Vohrers filmhistorischen Status war sicherlich seinUnernst. Gerade seine innerhalb von acht Jahren entstandenen Wallace-Filme zeigten in dieser Hinsicht eine rasante Entwicklung. Von Beginn weg war der expressionistisch geschulte Gothic-Horror seiner Krimis mit Augenzwinkern und albernem Humor ausgestattet. Aber irgendwann scheint Vohrer jede Lust verloren zu haben, so zu tun, als würde er Horror plus Spaß bieten und nicht etwas im Kern Albernes. Immer absurder werden die Geschichten. Immer weniger sind sie auf Sinn und Verstand ausgelegt. Lustvoll dekonstruieren sie, lustvoll stellen sie Grauen dar. Zuweilen wirken sie wie eine surreale bis dadaistische Mischung aus Geisterbahn und glühendem Fetischalbtraum." Auf epdFilmschreibt Gerhard Midding über seine Vohrer-Entdeckungen.
Weiteres: Marion Löhndorf schreibt in der NZZ zum Tod der Schauspielerin EvaMarieSaint, die im überaus gesegneten Alter von 102 Jahren verstorben ist. Denis Sasse unternimmt für den Filmdienst einen Streifzug durch die Animationsfilme des DreamWorks-Studios. Im Standardgratuliert Marian Wilhelm Christoph Waltz zum 70. Geburtstag. Und der umstrittene Deal ist in trockenen Tüchern: Paramount übernimmt Warner und bildet damit den neuen Kino-Superkonzern "Skydance" - die Weltmit Einzelheiten und Hintergründen.
Besprochen werden AaronSorkins "The Social Reckoning" über die Facebook-Leaks (NZZ), Andreas Dresens "Alte Liebe" (Tsp) und NaHong-jins koreanische SF-Horrorkomödie "Hope" (taz).
Jan Wiele spricht in der FAZ kurz und bündig mit AaronSorkin über dessen neuen Facebook-Film "The Social Reckoning", an dem er trotz erhobenem Zeigefinger von Zuckerbergs Anwälten nach Durchsicht durch die eigenen Anwälte "gar nicht viel ändern musste, ein paar Zeilen vielleicht, nichts, was mich verärgert hätte". Besprochen werden UlrikeFrankes und Michael Loekens Dokumentarfilm "Watching People Watching Birds" (taz), MichaelShowalters Erotikthriller "Verity" (NZZ, unsere Kritik) und Aaron Lehmanns Verfilmung von Daniela DröschersRoman "Lügen über meine Mutter" (FAZ).
Darf und soll man Filme, die aus heutiger Sicht als beanstandenswert eingeschätzt werden, nachträglich ändern? Darüber ließ die Deutsche Kinemathek in Berlin im Zuge der Debatte um WimWenders' "Falsche Bewegung" diskutieren, die vor ein paar Monaten die Feuilletons beschäftigt hatte. Auf dem Podium war es vor allem der eher fachfremde Journalist RonenSteinke, der die Frage zumindest im Falle der Darstellung von Minderjährigen eindeutig bejahte und ein großes Ausmisten der Archive einforderte. Differenziertere Positionen vertraten mit der Materie besser vertraute Frauen aus dem Filmkulturbetrieb: Die feministische Filmpionierin JuttaBrückner etwa hält es für einen Fehler, dass Wenders seinen Film nun doch nachträglich bearbeitete: "Durch das Wegschneiden der Bilder, in denen Kinskis Figur Mignon vom Hauptdarsteller des Films erst geohrfeigt und dann gestreichelt wird, fehle der Geschichte 'eine entscheidende Dimension: die von Wilhelms problematischer Sexualität'", berichtet Andreas Kilb in der FAZ. "In der Darstellung dieser von Unreife und Unsicherheit geprägten Sexualität steckt für Brückner, die 1941 geboren ist und somit zur gleichen Generation wie Wenders gehört, der zeitgeschichtliche Wert von 'Falsche Bewegung'. Der Film erzähle neben seinen Anspielungen auf den Nationalsozialismus auch eine Schlüsselgeschichte über Geschlechterverhältnisse in der Nachkriegszeit aus männlicher Perspektive. Durch die Entfernung der Mignon-Nacktszene werde er nun 'auf die alte Geschichte von Vätern und Söhnen' reduziert."
"Die Film- und Medienwissenschaftlerin Lisa Gotto wollte von dem Podium wissen, wie oft man Filme denn verändern solle, wenn man deren Präsentation von Geschlechts-, Sexismus- oder Antisemitismusfragen für nicht mehr akzeptabel halte", berichtet Hanns-Georg Rodek in der Welt. "Auch dasVerstörende gehöre zum Filmerbe: 'Wie sollen wir unsere Geschichte verstehen, wenn wir alles Kontroverse nachträglich entfernen? Wir müssen die Fähigkeit entwickeln, mit historischen Zumutungen zu leben.'"
Szene aus "Artificial" Vielleicht ja doch keine gute Idee gewesen, dass man mit SocialMedia heute zentrale Sphären der Öffentlichkeit IT-Konzernen und dem Walten und Schalten derer oft egomanischer Chefs überlassen hat: Wer über deren Betreiber kritische Filme dreht, darf dann dort auch keine Werbung mehr schalten oder muss sich damit mühsam durchsetzen, berichtet David Steinitz in der SZ. Noch härter traf es den Regisseur LucaGuadagnino, dessen neuer Film "Artifical" über den OpenAI-Chef SamAltman eigentlich von MGM in die Kinos gebracht werden sollte - MGM wurde 2021 bekanntlich von Amazon geschluckt. "Und Amazon hat Anfang des Jahres ein Investment angekündigt, das sich mit einem kritischen Kinofilm über Sam Altman vermutlich nicht so gut verträgt. Amazon will 50 Milliarden Dollar in Altmans KI-Firma Open AI investieren. Das Ende der Geschichte: MGM gab im Juni ein etwas kryptisches Statement heraus, dass das Studio 'Artificial' nicht ins Kino bringen werde. ... Große Player wie Netflix und Warner Bros. sollen ihn sich angesehen, aber abgelehnt haben. Ob das an der Qualität des Films liegt oder ob den Unternehmen die Sache ebenfalls zu heikel gewesen sein könnte, ist nicht bekannt. Mittlerweile ist der Indie-VerleihNeon eingesprungen."
Weiteres: Im Standardgratuliert Valerie Dirk der Schauspielerin SusanSarandon zum 80. Geburtstag. Martin Ostermann befasst sich im Filmdienst mit neuen religiösenAnimationsfilmen. Besprochen werden MichaelShowalters Erotikthriller "Verity" mit DakotaJohnson und AnneHathaway (Standard, unsere Kritik), Jens Meurers Dokumentarfilm "Biermann", der eben beim Filmfest Hamburg uraufgeführt wurde und Ende des Monats regulär in den Kinos startet (WamS), HaraldSicheritz' Dokumentarfilm "Bruno - Der junge Kreisky" (Standard) und SylvesterStallones Autobiografie "The Steps" (SZ).
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