Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.08.2026 - Film

Sandra Hüller und Hanns Zischler in "Vaterland"

In der FAZ spricht Hanns Zischler mit Andreas Kilb über seine Rolle als Thomas Mann in Paweł Pawlikowskis beim Filmfestival in Cannes sehr positiv aufgenommenen Film "Vaterland". Der polnische Film erzählt davon, wie Thomas Mann 1949 mit seiner von Sandra Hüller gespielten Tochter Erika Mann quer durch das zerstörte Nachkriegsdeutschland reist. Zischler findet, "dass der Film auf faszinierende Weise den Augenblick der Krise Deutschlands im Jahr 1949 erfasst. ... Man kann sich fragen: Was ist denn dieses Deutschland? Wie ist es so geworden, dass es in zwei Teile zerbrach, was für Thomas Mann eine Katastrophe war? Der Film beharrt ja auf einer Episode, die nicht gerade ein historisches Riesenereignis war. Aber dadurch, dass sie in Frankfurt und Weimar spielt, dass sie durch deutsche Städte und Landschaften führt, die vom Krieg gezeichnet sind, bekommt das Ganze eine andere Dimension. Es geht auch um die Frage, was Heimat ist. All dieses neuerdings wieder aufkommende dumme Gewäsch darüber, was deutsch zu sein hat, ist am Anfang des Films bereits thematisiert. Ich wüsste nicht, welcher deutsche Regisseur das in dieser konzentrierten Form machen könnte."

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Bret Easton Ellis' Roman "The Shards" war ein Comeback zur besten Form, aber Ryan Murphys auf Disney+ gezeigte Serienadaption ist eine absolute Katastrophe, ärgert sich Pavao Vlajcic auf critic.de. Der bei Ellis hochgradig verdichtete Stoff - 80s, Teenies, Drogen, Sex, Pop und ein Serienkiller - wäre eigentlich wie gespuckt für eine HBO-Prestige-Produktion gewesen, doch "Murphy setzt die Camp-Kreissäge an, fügt beliebige neue Figuren hinzu, die kaum etwas zu der Handlung oder Stimmung beitragen, definiert die Beziehungen der Charaktere untereinander neu, bietet peinliche Tanzwettbewerbe auf, macht aus dem chimärenhaften Mörder des Buchs eine Variante des folternden Jigsaw-Killers und lässt zwischenzeitlich die Charaktere alle zwei Minuten Kokslinien ziehen. ... Die Psychedelie, der Exzess und die unscharfe Trennung von Realität und Wirklichkeit sind in dem Buch sorgfältig angelegt, kontrolliert ausgestaltet und verweisen stets auf unter der Oberfläche ablaufende Bewusstseinsprozesse. Bei Murphy sind diese Elemente rein kosmetisch eingesetzte Makulatur."

Weiteres: Marius Nobach schreibt im Filmdienst zum Tod von Tim Curry (weitere Nachrufe hier). Besprochen werden Brezel Görings Super8-Punkfilm "Für immer 16" mit Lilith Stangenberg (FAZ, unsere Kritik), Will Glucks romantische Sexkomödie "One Night Only" (Standard, mehr dazu bereits hier), Ridley Scotts "Das Ende der Sterne" (critic.de), der Actionfilm "Mutiny" mit Jason Statham (Standard) und der auf Netflix gezeigte Thriller "Kinderflüstern" mit Robert de Niro und Adam Scott (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.08.2026 - Film

Die Feuilletons trauern um den Schauspieler Tim Curry, der als Dr. Frank-N-Furter in der "Rocky Horror Picture Show" nicht nur berühmt, sondern zur Ikone der Gegenkultur der Siebziger wurde. Auch in seinem weiteren Schaffen "waren es die exzentrischen Schurken, die Curry auf der Leinwand verkörperte", schreibt Hilka Dirks in der taz. "Trotz seines Talents für Stimmen waren es dabei wohl eigentlich seine Augen, die stets das Exzentrische betonten: die leise Möglichkeit des Spotts gegenüber der Autorität - auch der eigenen. ... Stets verkörperte Curry seine Charaktere als performative Grenzgänger mit Lust an der spielerischen Provokation."



"Curry war im Grunde einer aus der britischen Nachkriegsschauspielerriege derer von Richard Burton und Jon Finch", schreibt Edo Reents in der FAZ. Doch erst in der Kult-Horror-Musical-Farce, "unter den von der Produktion gewährten Platzverhältnissen eines Breitwandformats, mit Mieder, Strapsen und High Heels, entfaltete sich Tim Currys gesamtdarstellerische Kraft, Pracht und Wucht vollends. Was er an Körpersprache und Athletik, an Mimik und natürlich auch, sprechend wie singend, stimmlich leistet, vergisst man nicht wieder; besonders nicht den absoluten Glanzauftritt vor den staunend-schockierten Augen des von Susan Sarandon und Barry Bostwick gespielten, dümmlichen Pärchens." Wir haben ihn oben für Sie eingebettet, weitere Nachrufe in Welt und FR.

Die Strahlkraft klassischer Hollywood-Paare: Monica Barbaro und Callum Turner in "One Night Only"

"Malle ist nur einmal im Jahr" lautet bekanntlich ein in eher proletarischen Reisekontexten kursierender Spruch, in Will Glucks RomCom "One Night Only" müsste man ihn wohl zu "Vögeln ist nur einmal im Jahr" abwandeln. Denn in nur einer Nacht des Jahres darf in dem dystopischen Setting diesem Vergnügen nachgegangen werden - mit entsprechenden Turbulenzen in der Bevölkerung. "Für alle, die in der Partnersuche weniger gewandt sind, beginnt hingegen die einsamste Nacht des Jahres", schreibt Kamil Moll auf critic.de. "Seit spätestens Billy Wilders 'The Apartment' nutzt die romantische Komödie für derartige Stimmungslagen immer wieder den forcierten Ausnahmezustand des Silvesterabends als Setting. Recht offen und mitunter unverhohlen genrenostalgisch verweist 'One Night Only' immer wieder auf diese Erzähltradition zurück und behandelt dabei sein dystopisches High-Concept eher als sittenkomödiantisches Anhängsel zweiter Ordnung. Der wundervoll leichthändige Touch des Films, dem ein einwandfrei ausgespielter Slapstick-Gag mehr wert ist als die konkretere Ausformulierung der im Setting angelegte Gesellschaftskritik, fand bei US-Kinostart allerdings kaum Zuspruch in der Filmkritik."

"Über zwei Drittel des Films hinweg ergibt die Prämisse von 'One Night Only' sehr vergnügliche Vignetten aus dem hoch beschleunigten urbanen Leben", freut sich auch Bert Rebhandl in der FAZ zumindest zu zwei Dritteln über diesen Film. "Zu einem Höhepunkt wird die Jagd nach einem Kondom; denn wie üblich gibt es viele, die nicht rechtzeitig ans Praktische gedacht haben, sodass sich um eines der letzten Gummis eine Kaskade von Übervorteilungen und Ausbremsungen ergibt. ... Monica Barbaro und Callum Turner strahlen beide etwas angenehm Alltägliches inmitten der New Yorker Aufgeregtheit aus. Natürlich sind beide in hohem Maß attraktiv, Alpha-Figuren in einer Riege von leicht grotesken Nebenfiguren, die alle eben für 'das eine' nicht infrage kommen. ... Mit 'One Night Only' entsteht eine Beziehung, die Andeutungen von der Strahlkraft klassischer Hollywood-Paare hat."

Weiteres: Axel Timo Purr blickt für Artechock nach China, wo Christopher Nolans "Odyssee" nun ebenfalls mit Erfolg angelaufen ist, aber von zwei heimischen Produktionen noch überflügelt wird. Heike Huppertz schreibt in der FAZ zum Tod des Schauspielers Andreas Hoppe. Besprochen werden Faraz Shariats Justizthriller "Staatsschutz" (Artechock, SZ, unsere Kritik), Brezel Görings "Für immer 16" (Artechock, unsere Kritik), Wilhelm und Anka Sasnals "The Assistant" (Artechock) sowie die HBO-Serie "Tip Toe" (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.08.2026 - Film

Eine Frau sieht Rot: "Staatsschutz" von Faraz Shariat

Nach einem Prozess gegen einen Rechtsextremisten sieht sich eine Staatsanwältin südkoreanischer Herkunft in einer ostdeutschen Stadt Anschlägen auf ihr Leben ausgesetzt und stößt bei Ermittlungen auf Verstrickungen ihrer eigenen Institution in die rechte Szene - das ist die Prämisse von Faraz Shariats Justizdrama "Staatsschutz". Der Film ist "dunkel gehalten", schreibt Lukas Pazzini im Perlentaucher. "Der Rechtsstaat erscheint nicht transparent, sondern undurchdringlich, mit einem Keller voller Fälle, die aus mutmaßlich politischen Gründen nicht bearbeitet werden." Doch "hinter die spannende Grundfrage nach den geeigneten Mitteln gegen Rechtsextremismus (...) fallen die Charaktere in Shariats Film deutlich zurück. Sie erfüllen Funktionen." tazlerin Barbara Schweizerhof findet den Film in seinen Thrillerpassagen mitunter "wenig plausibel und effekthascherisch". FR-Kritiker Daniel Kothenschulte hält dem Film gerade diese Lust am Genre zugute: "Man muss sich diese Überdeutlichkeiten und liebevollen Amerikanismen trauen dürfen. Shariat steht hier in einer Tradition mit Klaus Lemke, Rudolf Thome, Wim Wenders oder Thomas Arslan." Für die Zeit spricht Peter Kümmel mit dem Regisseur, in der Welt bespricht Hanns-Georg Rodek den Film.

German Cinema, die Auslandsvertretung des deutschen Films, schickt Sandra Wollners "Everytime" (unsere Kritik) für den Oscar um den besten internationalen Film ins Rennen, meldet Philipp Bovermann in der SZ. Damit wäre es wohl allmählich an der Zeit, nach der "Berliner Schule" von einer "Ludwigsburger Schule" zu sprechen, meint er in Erinnerung an "In die Sonne schauen" von Mascha Schilinski aus dem letzten Jahr, die ebenfalls mit einer eigenwilligen Filmsprache für Aufsehen sorgte. An der Filmhochschule Ludwigsburg bildete sich die letzten Jahre ein interessantes Netzwerk: "Schilinski und Wollner sind Teil derselben Generation deutschsprachiger Filmemacher, sie haben sogar zusammen studiert. Zu ihren Kommilitonen gehörte auch Timm Kröger, der Regisseur von 'Die Theorie von Allem' (2023), Wollners Lebenspartner und Kameramann bei ihren ersten beiden Langfilmen, der Regisseur und Drehbuchautor Roderick Warich, die Produzentin Viktoria Stolpe und der Kameramann Fabian Gamper. Die Mitglieder dieser Gruppe haben mehrfach überkreuz miteinander gearbeitet."

Weiteres: Tobias Sedlmaier schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den unvergesslichen Tim Curry, der im Alter von 80 Jahren gestorben ist. Besprochen werden Ridley Scotts Postapokalypse "Das Ende der Sterne" (taz, FR, Welt), Jaume Claret Muxarts queeres Coming-of-Age-Roadmovie "Strange River" (taz), Will Glucks RomCom "One Night Only" (Welt), Kai Stänickes "Der Heimatlose" (FAZ) und die in der ARD gezeigte feministische Sexarbeit-Serie "Selling Sex" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.08.2026 - Film

Produktiv unruhig und auch mal sanft bekifft: Chang Wang, Lilith Stangenberg und Mücke in "Für immer 16" (Bild: Rapid Eye Movies)

"Bunt, frei, bekloppt": tazlerin Carolin Weidner hat jede Menge Freude an "Für immer 16", dem auf Super8 gedrehten Film des Berliner Pop-Underground-Urgesteins Brezel Göring mit Lilith Stangenberg in der Hauptrolle. Der Film geht auf ein Romanfragment von Françoise Cactus, Görings 2021 verstorbener Lebenspartnerin zurück, mit der zusammen er einst das Duo Stereo Total gründete. Der Film zieht von Berlin nach Palermo, Lilith Stangenberg hält sich für unansehnlich und dann kippt der Film in einen Film-im-Film über eine Serienkillerin: Dieser Film "könnte die Pulp-Verfilmung eines frühen Georges Simenon (den Charlotte verehrt) sein, gekreuzt mit einer guten Portion Female Revenge. Eine Spielwiese." So sieht das auch Robert Wagner im Perlentaucher: "Statt einen Film zu machen, wie er zu sein hat, macht Brezel Göring einen Film, wie er nicht zu sein hat, einen Film ewigjugendlicher Rotzigkeit. Dabei kommt dann vielleicht kein straffer, mitreißender Killer-Thriller heraus, aber dafür ein schluffig-amüsanter."

"So punkig unverbindlich der auf Super 8 gedrehte, komplett und nicht allzu professionell nachsynchronisierte, über weite Strecken mit schrammelig-ironischen 'Stereo Total'-Songs unterlegte Film auf den ersten Blick auch wirken mag, so geschickt fügt Göring sein Debüt in die reiche Tradition des filmreflexiven Kinos ein", hält Lukas Foerster im Filmdienst fest: "Wenn Filme vom Filmemachen erzählen, erzählen sie nicht selten von Menschen, denen das Leben, das sie führen, nicht genug ist, weshalb sie ihm etwas Anderes, zumeist etwas Aufregenderes, Mondäneres, entgegensetzen wollen. ... Nicht das Imaginäre des Kinos zieht sie an, die überlebensgroßen Bilder der Traumfabrik, sondern das Filmemachen selbst, als eine Existenzform, die eingefahrene Selbstbilder und Lebensentwürfe wieder in produktive Unruhe versetzt." Auf critic.de dankt Silvia Szymanski "für dieses kleine, verschwommene, bekiffte oder sanft besoffene Provisorium".

Die von Stangenberg gespielte Charlotte ist durchaus ein Alter Ego von Cactus, bestätigt Göring im Tagesspiegel-Gespräch mit Andreas Busche: "Ich habe das beim Lesen sofort gedacht: So ist Françoise wirklich gewesen, diese Sucht nach Liebe, die ohnehin niemals zu kriegen ist. All das überdeckt von total viel Irrsinn. Lilith trifft das sehr gut. Sie ist zwar vollkommen anders als Françoise, aber sie hat manchmal auch dieses Melancholische in sich, etwas Komisches, Nachdenkliches." Und was hat es mit dem Filmformat auf sich? "Super-8-Material sieht einfach gut aus. Ein bisschen so, wie ich die Wirklichkeit sehe. Berlin ist nicht so hübsch - aber wenn man es mit Super 8 filmt, ist sogar das erträglich." Für den Filmdienst sprach Ulrich Kriest mit Göring.

Außerdem: Esther Buss berichtet in der Jungle World von der bereits vielbeachteten Retrospektive des Filmfestivals Locarno zum linken US-Kino in der McCarthy-Zeit. In Deutschland wurden 2026 bislang deutlich mehr Kinotickets verkauft als im gleichen Zeitraum im Vorjahr, meldet Felix Knorr im Filmdienst. Besprochen werden Ridley Scotts Postapokalypse "Das Ende der Sterne" (Standard, FAZ) und Will Glucks RomCom "One Night Only" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.08.2026 - Film

Besprochen wird die auf Disney+ gezeigte Serie "The Shards" nach dem gleichnamigen Roman von Bret Easton Ellis (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.08.2026 - Film

Szene aus "Das Ende der Sterne" von Ridley Scott

Der anstehende Kinostart von Ridley Scotts postapokalyptischem Science-Fiction-Drama "Das Ende der Sterne" lässt Daniel Haas in der NZZ am Sonntag über den Weltuntergang im Kino philosophieren: "Weil US-Amerika die größte Innovationsfabrik für Zukunftsideen und ihre Realisierung ist, hat man dort auch die größte Lust an der Zerstörung jener Welten, die, als Utopie erdacht, am Ende ein großer Misthaufen der Geschichte werden. Das ist der Grund, warum vorzugsweise New York in Katastrophen- und Monsterfilmen demoliert wird: Früher ein furioses Versprechen der Moderne in Architekturgestalt gilt es heute vielen (Ökologen, Soziologen, Kulturkritikern) als eine Spielfläche für Verteilungskämpfe, Gewalt und aus dem Ruder laufenden Tourismus. Wenn Godzilla ganze Straßenzüge wegmampft und King Kong Häuser zerknüllt wie lästige Tetrapaks, ist der Zorn des Wohnung suchenden, Miete blechenden und im Stau steckenden Bürgers ins Bild gefasst." Doch "wo Gefahr ist, wächst/ächzt das Rettende auch: Hölderin hat das schon im im frühen 19. Jahrhundert gewusst. Vielleicht hatte er einen Zukunftstraum und sah die Katastrophenfilme des 20. und 21. Jahrhunderts im Schnelldurchlauf durch sein Unterbewusstsein rauschen (er wird aufgewacht sein, entsetzt und dankbar, weder Kino, Laptop noch Handy zu kennen)."

Weiteres: Mark Siemons gibt in der FAZ Einblick in die chinesischen Diskussionen um Wen Muyes in China immens populären Film "Willkommen im Drachenrestaurant". Besprochen wird Annekatrin Hendels Dokumentarfilm "Hiddensee" ("die Bildausschnitte sind spektakulär, die Aufnahmen lassen die Schönheit der Insel erstrahlen, dass es eine Wonne ist", schwärmt Gaston Kirsche in der Jungle World).
Stichwörter: Postapokalypse, Scott, Ridley

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.08.2026 - Film

"Staatsschutz" von Faraz Shariat

Die Protagonistin in Faraz Shariats Justizdrama "Staatsschutz" ist eine junge Staatsanwältin mit südkoreanischem Migrationshintergrund. Sie wird Opfer eines rechtsextremen Angriffs und nimmt danach die Ermittlungen selber und gegen viele Widerstände in die Hand, schreibt Barbara Schweizerhof in der taz. Ihre eigene Staatsanwaltschaft versichert ihr anfangs nämlich, dass sie den Fall schnell aufklären wollen. "Aber dann reagiert die Justiz ebenso träge. Ermittlungen verlaufen im Sand und produzieren schließlich nur einen einzigen Verdächtigen, der den Tathergang aber ganz anders schildert." Hier zeige sich eine von Shariats Stärken: "Wie er die Quasi-Machtübernahme einer rechts-autoritären Gesinnung in den eigentlich zur Neutralität verpflichteten Institutionen wie der Justiz beschreibt. Es ist ein 'Was wäre, wenn …?', das einem den Atem nimmt, weil es so nebenbei passiert. Und man sich die Augen reibt und fragt, ob diese Zustände nicht vielleicht schon in einigen Regionen der Bundesrepublik Realität sind."

In der FAZ sieht Bert Rebhandl den konkreten Fall im Film vor dem Hintergrund ähnlicher Fälle in Deutschland, die von der Justiz immer nur sehr behäbig aufgeklärt wurden. "Im Hintergrund des Skandals, der sich allmählich abzeichnet, sind konkrete Vorfälle der jüngeren Vergangenheit deutlich erkennbar. Die vielen Ungeheuerlichkeiten im NSU-Verfahren sind die offensichtlichste Parallele. Shariat bezieht sich aber vor allem auf eine Reihe von rechtsradikalen Anschlägen in Neukölln in den Zehnerjahren, die unzureichend verfolgt wurden." Auf critic.de bespricht Nino Klinger den Film. 

Die Filmbranche wird immer mehr von der KI überrollt: Produktionskosten werden deutlich gesenkt, viele Jobs in der Industrie stehen vor dem Wegfall, konstatiert der Filmproduzent Martin Moszkowicz in der SZ. "Wie tief die KI in die Produktionsstruktur selbst eingreift, zeigt sich bei den Vertical-Serien fürs Smartphone. Während in Deutschland viele noch überlegen, wie man überhaupt in dieses Geschäft einsteigt, ist in China bereits mehr als ein Drittel der erfolgreichsten dieser Formate maschinell erzeugt - vor einem Jahr waren es sieben Prozent. Youtube beansprucht in den USA inzwischen mehr Fernsehzeit als Netflix - der größte Konkurrent Hollywoods produziert selbst keine Filme, er lässt produzieren, von Milliarden Nutzern, demnächst von deren Maschinen." Doch es gehe nicht darum, sich jetzt zwischen "Widerstand und Unterwerfung" zu entscheiden. "Sondern um die Aufgabe der Aneignung. Wir müssen eigene Daten- und Publikumsbeziehungen aufbauen, statt nur Inhalte zu liefern. Wir müssen unsere Kataloge lizenzieren, zu unseren Bedingungen, statt zuzusehen, wie sie ungefragt verdaut werden. Und wir sollten die Maschine früh in den kreativen Prozess holen, als Sparringspartner, nicht als Taktgeber."

Weiteres: In der FAZ schaut Timas Deppert nochmal den Film "Gridlock'd - Voll drauf!", in dem Hip-Hop-Legende Tupac Shakur in seiner letzten Rolle als drogenabhäniger Krimineller "Spoon", der clean werden will, überzeugt. Im FAS-Interview mit Mariam Schaghaghi spricht Regisseur Cyril Aris über seinen Film "A Sad and Beautiful World", der sich mit der libanesischen Geschichte und Lebensrealität auseinandersetzt.

Besprochen werden Jane Schienbruns Horrorfilm "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" (SZ und NZZ), die Komödie "One Night Only" von Will Gluck (Welt) und Annekatrin Hendels Dokumentarfilm "Hiddensee" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.08.2026 - Film

Szene aus "A Sad and Beautiful World"

Beim Filmfestival in Venedig erhielt "A Sad and Beautiful World", das Spielfilmdebüt des Libanesen Cyril Aris, vor einem Jahr den Publikumspreis, nun kommt das durch Jahrzehnte libanesischer Geschichte erzählte Liebesdrama auch bei uns in die Kinos. "Die Allgegenwärtigkeit von Chaos und Krieg in Libanon zeigt Aris nicht direkt", schreibt Antonia Krinninger in der FAZ. "Dass Yasmina und Nino im Bürgerkrieg geboren werden, erschließt sich nämlich erst über den Kontext. Dass sich die Wirtschaftskrise immer weiter zuspitzt, erkennt man in den Gesichtern der Protagonisten. Yasminas Gesicht scheint fast in sich zusammenzufallen, je länger die Unruhen anhalten. Ninos Küche wird zum Symbolbild. Von der Oase, wo ihm sein Großvater die kulinarischen Geheimnisse weitergegeben hat und Menschen zusammenkommen sind, bleibt am Ende eine graue Blechruine."

Weiteres: Felix Knorr widmet sich im Filmdienst dem noch überschaubaren Werk von Horror-Auteur Jane Schoenbrun, deren Meta-Slasher "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" gerade bei uns im Kino läuft (aktuelle Besprechungen im Standard, auf Artechock und bei uns). Dunja Bialas empfiehlt auf Artechock die Münchner Retrospektive mit Filmen von Bernhard Sinkel. Daniel Haas verneigt sich in der NZZ vor dem Action-Schauspieler Jason Statham, den er für einen "sympathischen Toxiker" hält, der im Herbst seines Lebens auch "in Neufassungen von Ingmar-Bergman-Filmen brüten und schweigen könnte".

Besprochen werden Saša Vajdas "The Lights, They Fall" (Tsp, unsere Kritik), Massoud Bakhshis "All My Sisters" (Artechock), Philippe Lacheaus Animationsfilm "Marsupilami", der in Frankreich Millionen in die Kinos gelockt hat (Artechock, Welt), die auf Netflix gezeigte Nordic-Noir-Serie "Blutopfer" (FAZ) und Regina Schillings in Deutschland bereits im Juni gestarteter Film "Ingeborg Bachmann - Jemand, der einmal ich war" mit Sandra Hüller (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.08.2026 - Film

Bleibt in der Reserve: "The Lights, They Sleep"

Saša Vajdas Coming-of-Age-Film "The Lights, They Sleep" zieht es tief in jenes wenig repräsentative Berlin weit jenseits des S-Bahn-Rings, schreibt Perlentaucher Lukas Foerster. Im Mittelpunkt stehen der sechzehnjährige Ilay und dessen Freunde. "Die Untiefen biografischer und anderer Art (...) bleiben sachte Andeutung, verdichten sich erst ganz am Ende zu einem lakonischen Geistermotiv. In den Gesprächen, die die Jungs führen und die zweifellos ausgezeichnet beim Leben abgeschaut sind, fallen teils tolle, eigenartige Sätze wie 'Metapher in Dich rein'." Doch gibt es immer wieder Momente, in denen "man sich als Zuschauer wünscht, man könnte den fraglos durchweg durchdachten, klug komponierten und das Herz am rechten Fleck habenden Film ein wenig aus der Reserve locken. ... 'Slow Cinema' nannte man den Stil, den Vajda wählt, früher einmal, er hat eine ganze Reihe von Meisterwerken hervorgebracht. Heute spricht man eher von 'Vibes'. Doch Vibes brauchen Resonanz."

Eline van der Velden ist die Frau hinter der KI-Schauspielerin Tilly Norwood, die in den letzten Monaten für einige Turbulenzen insbesondere in der US-Branche gesorgt hat. Im Zeit-Gespräch versucht van der Velden, die selbst als Schauspielerin und Produzentin tätig ist, ihren Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen: KI zerstöre keine Jobs, Norwood halte tatsächlich bereits 40 Menschen in Lohn und Brot. Und "die meisten Geschichten über Frauen werden nicht gedreht, weil sie als zu nischig gelten. Niemand will sie finanzieren. Ich kann jetzt Geschichten erzählen, die sonst nicht gemacht worden wären." Außerdem "haben wir festgelegt, dass unsere KI-Schauspieler nur in KI-Filmen auftreten dürfen. Wenn Brad Pitt aber einen digitalen Zwilling von sich erstellen lässt, könnte man den neben Tilly platzieren. Natürlich nur mit seiner Zustimmung und gegen Vergütung."

Weiteres: "Ein Held, der an einer Schuld zerbricht, für die er sich selbst verantwortlich macht - das war in der Antike undenkbar", schreibt Thomas Ribi in der NZZ zu Christopher Nolans "Die Odyssee". Auch im Superheldenkino geht der Trend zur Introspektion und zur Sinnkrise der Protagonisten, schreibt Daniel Gerhardt in der Zeit. Für die Zeit hat Alexander Cammann den Schauspieler Hanns Zischler besucht. Andreas Kilb gratuliert in der FAZ der Schauspielerin Joan Allen zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Jane Schoenbruns Meta-Slasher "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" (FR, Welt, FAZ, unsere Kritik), Ines Reinischs Dokumentarfilm "Salz und Wasser" über eine Antarktis-Expedition (FR), Annekatrin Hendels Dokumentarfilm "Hiddensee" (taz, Zeit), Cyril Aris' libanesisches Drama "A Sad and Beautiful World" (Intellectures), eine BluRay-Ausgabe von Richard Attenboroughs Antikriegsmusical "Oh! What a Lovely War" aus dem Jahr 1969 (taz) und Marco Petrys auf Netflix gezeigte Komödie "Mein bester Freund, seine Freundin und ich" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.08.2026 - Film

Kino, Lust, Begehren, Konsens: "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" von Jane Schoenbrun

Andreas Busche ist im Tagesspiegel begeistert von Jane Schoenbruns queerer Meta-Slasher-Hommage "Teenage Sex and Death at Camp Miasma", in dem eine feministische Regisseurin, die als guilty pleasure eine Vorliebe für die oft bedenklichen Slasherfilmen der Achtziger pflegt, die Möglichkeit bekommt, ein solches Franchise wiederzuleben, das sie in subversiver Weise gesellschaftspolitisch auf den neuesten Stand bringen will - ebenso wie Schoenbrun selbst dies mit ihrem Meta-Film tut. "Die fantasmagorische Geschichte, in der sich Realität, Film-im-Film, absurde Blutexzesse und erotische Fantasien zunehmend vermischen, erzählt von der Utopie genderfluider Identitäten und sexueller Befreiung, ohne wieder bloß das Narrativ tragischer Queerness zu bedienen." Unter anderem geht es um "Fantasien, die sich mit der sexuellen Selbstermächtigung der GenZ eigentlich nicht vereinbaren lassen. Aber Begehren kennen keine Grenzen und keine Moral - solange beide Seiten ihre Zustimmung geben."

"Die Jouissance, der psychoanalytische Begriff für eine Lust, in der Genuss und Schmerz ineinander übergehen, steht im Zentrum des Films", verrät Schoenbrun im taz-Gespräch mit Thomas Abeltshauser: "Lust und Tod sind miteinander verflochten, ebenso die konstruktive und die zerstörerische Kraft des Orgasmus. (...) In Slasherfiguren wird eine Menge seltsamer, allegorischer, psychosexueller Scheiß verarbeitet: im Killer, im Opfer, im Final Girl. Ich wollte diese Tropen queeren. Den Slasherkiller sowohl zum Instrument des Begehrens als auch zum Mittel zu machen, den Höhepunkt zu erreichen, erschien mir als der richtige Weg." Im Perlentaucher bespricht Stefanie Diekmann den Film ambivalent, endet aber auf einer positiven Note: "Think Pink: Wer begehrt und nach Wunscherfüllung strebt, sollte sich besser nicht zu sehr fürchten. Zumal der kleine Tod, der in der Tiefe des Sees wohnt, früher oder später zurückkehren wird."

Ausgerechnet bei der Constantin, Deutschlands verlässlichster Filmproduktionsgesellschaft für relativ große Produktionen und Kassenhits, mehren sich beträchtliche Krisenanzeichen, berichtet Hanns-Georg Rodek in der Welt: Nicht nur wurde die als teure Prestige-Produktion konzipierte Serienadaption von "Die Päpstin" kurz vor Drehbeginn abgeblasen, auch ihre Finanzkonstruktion über eine finanziell gerade schwer angeschlagene Schweizer Medienholding Highlight belastet die Constantin gerade sehr. Zwar hat sich die Constantin stets bemüht, in Sachen Finanzierung eine Brandmauer zur Highlight aufrechtzuerhalten, unabhängig zu bleiben. Allerdings ist die Bayerische Landesbank als ein regelmäßiger Constantin-Finanzier ausgestiegen, über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Möglicherweise hat es mit den russischen Verbindungen der Highlight zu tun. ... Sollte die Refinanzierung der Highlight scheitern, könnte die Constantin an das Bankenkonsortium fallen, das dann versuchen würde, die Münchener möglichst teuer zu verkaufen."

Die FAZ lässt nochmal über Christopher Nolans an der Kinokasse weiterhin sehr erfolgreiche "Odyssee" diskutieren. Dass Nolan bei Odysseus "die äußere Gerissenheit durch eine innere Zerrissenheit ersetzt", passt gut "in unsere Zeit", findet Jannis Koltermann, "denn an der Beherrschbarkeit der Welt sind uns längst Zweifel gekommen. Während in den Kinos die 'Odyssee' läuft, ist der Sommer draußen außer Rand und Band und die regelbasierte Ordnung kaum mehr eine Chimäre." Wie Odysseus "erleben wir einen Kontrollverlust aus eigenem Versagen. Dieser Odysseus sind wir." Andreas Kilb freut derweil, wie der Film und dessen Erfolg dem Gegenwartskino trotzt, das Comic- und andere Franchises dominieren: In der "Verwandlung von realen Schauplätzen in Seelenlandschaften steht Nolans 'Odyssee' im Hollywoodkino der vergangenen Jahre tatsächlich allein da. Sie trotzt der Tendenz zur Veräußerlichung, die in den immer wieder neu recycelten Stoffen des Marvel-Comic-Universums" zu finden ist, "und sie befreit sich - und uns - aus der visuellen Zwangsjacke der Fantasy-Serienwelten."

Weiteres: Irene Genhart resümiert im Filmdienst das Filmfestival LocarnoKauft DVDs, rät Valérie Catil in einer taz-Glosse angesichts dessen, dass digitale Plattformen mittlerweile nicht nur Filme aus dem allgemeinen Streamingangebot nehmen, sondern auch einst zum vollen Preis gekaufte Filme aus den Sammlungen der Nutzer löschen. Besprochen werden David Schalkos Serie "Braunschlag 1986" (ZeitOnline), Saša Vajdas "The Lights, They Fall" (taz), Lars Jessens "Spaziergang nach Syrakus" mit Charly Hübner (Welt, FAZ), Annekatrin Hendels Dokumentarfilm "Hiddensee" (SZ) und Louis Leterriers auf Netflix gezeigter Thriller "The Last House" (SZ).