Viel Aufregung gibt es heute über einen Durchsuchungsbeschluss des Landgerichts Hamburg für die
Zeit-Redaktion. Die gab die geforderten Dokumente, Interviewaufzeichnungen eines Podcasts der Zeit-Journalistin Anne Kunze zum
Block-
Delling-
Prozess, dann freiwillig, wenn auch versiegelt, heraus. Kunze hatte die Gespräche Anfang 2024, zwei Wochen nach der Entführung der beiden Kinder von Christina Block aus Dänemark mit der Familie des Vaters und eben auch mit den zwei damals entführten Töchtern, für ihr "Z
eit Verbrechen"-Podcast "House of Block" geführt. In einer
Meldung der
Zeit heißt es dazu: "Die
Zeit wehrt sich entschieden gegen diesen
Angriff auf die Pressefreiheit und hat Beschwerde eingelegt. Die angedrohte Durchsuchung und die Beschlagnahmung der Interviewaufnahmen sind aus Sicht der
Zeit unverhältnismäßig. Das Gericht argumentiert, die angedrohte Durchsuchung und Beschlagnahmung des Interview-Materials solle unter anderem zur '
Überprüfung'
der Glaubwürdigkeit von Zeugen dienen. Die
Zeit selbst wird im Verfahren nicht beschuldigt. Die
Zeit-Chefredakteure Giovanni di Lorenzo und Jochen Wegner: 'Zur Pressefreiheit gehört insbesondere der
Quellenschutz, der für unabhängig berichtende Medien entscheidend ist. Wir werden uns deshalb mit allen rechtlichen Mitteln zur Wehr setzen.'"
"Für Journalisten war es am Montagmorgen in Hamburg
ein Albtraum", ist Ann-Kathrin Leclerc in der
taz überzeugt. "Journalisten sind keine Hilfsermittler der Justiz. Sie müssen unabhängig arbeiten und ihre Quellen schützen können. Ermittlungsbehörden dürfen nicht einfach auf journalistisches Material zugreifen. Besonders brisant ist dabei, dass der
Zeit weder eine falsche Berichterstattung noch eine fehlerhafte Recherche vorgeworfen wird. Die Ermittler interessieren sich für die Aufzeichnungen, weil sie ihnen als Beweismittel dienen könnten. Damit wird der
Quellenschutz zum Hindernis, das Ermittlungsbehörden aus dem Weg räumen wollen." Ähnlich
sieht das Markus Reuter bei
netzpolitik: "Die Beschlagnahme von Interviewaufzeichnungen, also dem Rohmaterial eines Podcasts zum Block-Delling-Prozess beim Landgericht Hamburg, ist eine Frechheit. Der
Schutz von Informanten und Quellen dient dazu, dass diese sich der Presse vertrauensvoll öffnen können, ohne Angst vor einer Enttarnung oder einer Verfolgung zu haben. Nur ein funktionierender Schutz der Quellen garantiert, dass die Presse ihre Aufgabe
voll und ganz wahrnehmen kann."
In der
FAZ empfiehlt Michael Hanfeld, einen zweiten Blick auf die Sache zu werfen: "Dieser ist nicht nur ein Beispiel dafür,
wie massiv Medien auf den inzwischen 82 Verhandlungstage andauernden Prozess gegen Christina Block und sechs weitere Angeklagte wegen Kindesentführung
Einfluss nehmen. Er zeigt die schiefe Bahn an, auf die der Journalismus mit dem Modeformat 'True Crime' geraten kann, insbesondere wenn es um laufende Ermittlungen oder Prozesse geht." Denn die Interviewaufnahmen seien schon Anfang 2024 gemacht worden. "Mit der daraus resultierenden Geschichte kam der
Zeit-Podcast indes erst vor ein paar Tagen heraus, als die Beweiserhebung in dem Mammutprozess
kurz vor dem Abschluss stand. Da konnte das Gericht nicht anders, als auf die Tonaufnahmen Zugriff zu nehmen, die
150 bis 180 Stunden umfassen sollen. So stellt die
Zeit das Verfahren auf den Kopf. Zu fragen ist auch, ob das Blatt nicht
gegen den Pressekodex verstößt, der Zurückhaltung im Umgang mit Minderjährigen und insbesondere mit minderjährigen Verbrechensopfern verlangt."
Ronen Steinke schreibt dazu in der
SZ einen seiner typischen "ja, aber"-Kommentare: Ja, die stundenlangen Interviews mit den Kindern, "die laut Gutachten
traumatisiert waren", gingen vielleicht zu weit, ebenso der "Vermarktungseifer" der
Zeit, der "bis hin zu einer
journalistischen Liveshow in der Hamburger 'Barclays Arena'" ging, "bei der
zahlende Zuschauer Privates der Kinder präsentiert bekamen". Aber die Durchsuchung sei nicht angeordnet worden, weil die Journalisten gegen ein Gesetz verstoßen hätten, sondern allein, "weil die
Zeit-Interviews mit den Block-Kindern für die Ermittler interessant waren. Wenn das zur Regel würde, dann bräche ein Damm. Die
Pressefreiheit würde hinweggespült."