Efeu - Die Kulturrundschau

Wie indignierte Tiefseefische

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07.09.2026. Das Filmfestival Venedig geht in seine zweite Hälfte über: Die FAZ denkt mit Sergei Loznitsa über die Sowjetunion nach, mit Lance Oppenheims Film über den Journalisten Chris Hansen tauchen die Kritiker in unangenehme Abgründe. Die NZZ entdeckt grandiose chinesische Lackkunst im Museum Rietberg. Thomas Glavinic verspricht im Standard-Interview nach einigen Skandalen Läuterung. Den Start von Çağla İlks Intendanz am Gorki betrachten die Kritiker mit besorgter Skepsis - zu viel Musealisierung, zu wenig Theater?  Nachtkritik lernt in Dresden mit Shakespeare-Sonetten in Christian Friedels Inszenierung sterben.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2026 finden Sie hier

Film

Szene aus Sergei Loznitsas "Imperium"

Halbzeit bei den Filmfestspielen Venedig. FAZ-Kritiker Bert Rebhandl verlässt die Vorführung von Sergei Loznitsas dreistündigem Archivfilm "Imperium" über die Sowjetunion der Breschnew-Jahre mit geschärften Sinnen. Der Regisseur greift dafür auf einen rund 60 Stunden umfassenden Materialfundus zurück, den ein italienisches Kamerateam bei einer dreijährigen Reise durchs Land angehäuft hat. "Im Zentrum von Loznitsas Aneignung des faszinierenden italienischen Materials, das die Jahre von 1970 bis 1973 abdeckt, klafft eine bewusste Lücke: Kann man sich ein menschliches Projekt vorstellen, das keine Ideologie hervorbringt, sondern eine zwanglose Form, diese unterschiedlichsten Kulturen, Individuen, Auskommensformen der riesigen Union der sozialistischen Sowjetrepubliken auf etwas Gemeinsames zu einigen? Loznitsa verkündet am Ende lakonisch das Ende der Sowjetunion anno 1991, mit Punkt und Datum. ... Dabei wirkt 'Imperium' eher wie eine Reflexion darauf, ob vielleicht 1973 ein Jahr war, in dem der real existierende Sozialismus in Russland und seinen Nachbarländern Ansätze zu einer Legitimität entfalten konnte."

Raue Neon-Ästhetik: Robert Pattinson in "Primetime"

Nach Danny Boyles "Ink" zeigt Venedig mit Lance Oppenheims "Primetime" ein zweites Biopic über eher zwielichtige Mediengestalten: Robert Pattinson spielt Chris Hansen, der in den Nullerjahren im US-Fernsehen Pädophile jagen ließ. Der Regisseur "wirft sich hinein in die schlecht aufgelöste und ausgeleuchtete Welt früher Digitalästhetiken und Fernsehbilder", schreibt Valerie Dirk im Standard. "Das passt, gemeinsam mit den drei moralisch ambivalenten Hauptfiguren (...) gut zur rauen Neon-Ästhetik, die das Produktionsstudio A24 geprägt hat." Tazler Tim Caspar Boehme beschleichen im Kinosaal eher ungute Ahnungen: "Das exzessive Eintauchen in Abgründe der Medienwelt (...) bekommt durch den energischen Drive bei Oppenheim sogar etwas leicht affirmativ Zelebratorisches." Auch Christiane Peitz winkt im Tagesspiegel ab: "Neben einer differenzierten Charakterzeichnung fehlt 'Primetime' jegliche Haltung zu seinen komplexen Sujets, zu Vorverurteilung und krankhaftem Begehren, Quotendruck und Bigotterie." 

Nach Wim Wenders' ebenfalls bei den Filmfestspielen in Venedig gezeigtem 3D-Dokumentarfilm "From Inside Out" über den Architekten Peter Zumthor würde ZeitOnline-Kritikerin Anke Leweke zwar am liebsten selber nach Herzenslust "durch all diese in sich ruhenden Räume gehen, durch die großen Fenster blicken, die Innen und Außen aufheben", während ihr beim Film selbst jedoch beim Schwelgen ständig die Künstler in die Quere kommen, die Wenders diese Gebäude bespielen lässt - womit Leweke eher wenig anfangen kann.

Weiteres: Kira Taszman spricht für den Filmdienst mit "Babylon Berlin"-Regisseur Henk Handloegten unter anderem über seine Zusammenarbeit mit Pawel Pawlikowski am Drehbuch für "Vaterland". In der SZ erinnert die Schriftstellerin Lena Schätte an den Film "Magnolien aus Stahl" mit Dolly Parton. Doris Priesching (Standard) und Christine Dössel (SZ) schreiben Nachrufe auf die Schauspielerin Emi Mangold. Jörg Taszman schreibt im Filmdienst zum Tod des Regisseurs Jean-Paul Rappeneau. Heike Hupertz schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Schauspieler Michael Mendl.
Archiv: Film

Kunst

Die Lackkunst im alten China war großartig, wie Philipp Meier für die NZZ in der Ausstellung "Rot - Meisterwerke der chinesischen Lackkunst" im Museum Rietberg entdecken kann. Die Arbeit mit dem Saft des Lackbaums ist ganz erstaunlich und bringt feine Objekte zustande: "Der einmal erstarrte Baumsaft weist Eigenschaften auf, die sich durchaus mit modernen Kunstharzlacken vergleichen lassen. Er ist resistent gegen Hitze, Wasser, Alkohol, Säuren, Laugen und Lösungsmittel jeder Art. Überdies altert er äußerst langsam. Nur helles Licht bekommt ihm auf die Dauer nicht. Durch lange UV-Bestrahlung wird seine chemische Struktur geschwächt, und es bilden sich - oft nur unter dem Mikroskop sichtbare - Risse und Sprünge. (…) Oft sind diese Objekte weich und rund geschnitten und glänzen samtig. So etwa eine Dose mit fünf Fledermäusen, einem der beliebtesten Glückssymbole in China. Der Name 'fu' für Fledermaus wird im Chinesischen gleich ausgesprochen wie die Schriftzeichen für Glück und für Wohlstand. Die Zahl 5 wiederum steht für die 'Fünf Segnungen': Liebe zur Tugend, Gesundheit, langes Leben, Reichtum und ein friedlicher Tod."

Weiteres: Stefan Kobel hat sich für Monopol dem Rundgang auf der DC Open angeschlossen und festgestellt, dass die Kunstszene am Rhein sich ordentlich bewegt. 

Besprochen werden: Die Ausstellungen "Annemirl Bauer - Bruch ist in der Welt" im Kunsthaus Minsk (Tagesspiegel) und "Zuschreibung: Jüdisch - Fragen an die Geschichte des MARKK" im Museum am Rothenbaum (FAZ).
Archiv: Kunst

Literatur

Den existenziellen Verfall des Schriftstellers Thomas Glavinic konnte man in den Zehnerjahren quasi live im Feuilleton mitverfolgen: Alkohol, schwerer Drogenkonsum, ADS, Depressionen, hohe Schulden, Privatinsolvenz. Nach einigen Jahren Rückzug aus der Öffentlichkeit gibt er sich nun im großen Standard-Gespräch mit Lisa Nimmervoll als geläuterter Mensch zu erkennen, der auf sein früheres Ich zunehmend mit Befremden blickt. Von einem Comeback will er aber noch nicht reden: "Ich würde sagen, ich bin wieder verfügbar. Wohin das führt, lasse ich offen. Es gibt keine unerledigte Agenda aus meinem früheren Leben, die ich abarbeiten müsste. Mich interessiert, was aus der Gegenwart entsteht. ... Radikal zu verarmen war unangenehm genug, aber immer noch weniger bitter als die Erkenntnis, was für ein beträchtlicher Teil meines Selbstwertgefühls von Erfolg, Prestige und öffentlicher Aufmerksamkeit abhängig war. Wenn all das wegfällt, ist man gezwungen, die eigene Würde völlig neu in sich selbst zu verankern. Lustig ist das nicht. Aber wer diesen Prozess ernsthaft durchläuft, räumt Prestige und öffentlicher Anerkennung anschließend erheblich weniger Macht über das eigene Selbstbild ein."

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Weiteres: Die Schriftstellerin Dörte Hansen, die selbst auf dem Land aufgewachsen ist und dort auch wieder wohnt, erklärt im NZZ-Gespräch, dass ihr Landleben-Roman "Broder" auch eine Reaktion auf all die Bücher jener Asphaltpflanzen ist, die aus der Stadt aufs Land ziehen und dann sofort Bücher darüber schreiben, wie sehr sie doch das Landleben verstanden hätten. Hannes Stein gibt in der Welt Einblick in seinen Roman über einen falschen Messias im 17. Jahrhundert, der, in Steins Fiktionalisierung, den Nahen Osten so radikal umkrempelt, dass die gesamte Region heute in Frieden und Wohlstand lebt - eine Vision, mit der Stein bei den großen deutschen Verlagen allerdings keinen Erfolg hatte, sodass es nun in einem Kleinverlag erscheinen muss.

Besprochen werden unter anderem Shida Bazyars "Die Lücken" (FR), Heinz Strunks "Memories of Heidelberg" (taz), Annie Ernauxs und Marc Maries "Auf den Bildern" (Standard), Manik Sarkars Debütroman "Ochsenkopf" (Standard), Dror Mishanis "Nicht" (NZZ), Julia von Lucadous "Zeiten erhöhter Gefahr" (NZZ am Sonntag), Ingo Schulzes "Das Wasser im August" (SZ), Peter-André Alts "Die Kanzler und die Intellektuellen. Geschichte einer unbequemen Beziehung" (Welt) und neue Krimis, darunter Imani Thompsons Debüt "Honey" (FAZ). Mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur
Stichwörter: Glavinic, Thomas

Bühne

Die erste Spielzeit des Maxim-Gorki-Theaters unter der neuen Intendantin Çağla İlk beginnt nicht mit einer aufsehenerregenden Inszenierung, sondern mit einer Ausstellung, die Sinem Kılıç für die Zeit besucht. Die Installation "Fuge" stammt vom französisch-armenischen Künstler Sarkis und lässt nicht nur Kılıç zweifeln, was İlk noch so mit dem Haus vorhat, auch viele Besucher haben Angst, dass vor lauter Performances und Installationen kein Theater mehr zu finden ist: "Was Theater so besonders macht, ist eine eigentümliche Verabredung: Eine Gemeinschaft versammelt sich, um anderen Menschen beim Spielen zuzusehen, mit ihnen zu lachen und zu leiden, sich in ihnen wiederzuerkennen oder etwas Fremdem zu begegnen. Bei 'Fuge' stellt sie sich kaum ein. Mit seinen Kreuzen, Relikten und Zeichen der Vergänglichkeit richtet das Projekt den Blick auf das, was nicht mehr da ist. In einem Haus, in dem eine neue Intendanz beginnt, bekommt das den merkwürdigen Touch eines Abgesangs."
 
Auch Peter Laudenbach kommen die Holzkreuze, Neonröhren und Glocken, die auf der Drehbühne um sich selbst kreiseln, in der SZ vor, "als wäre das Theater eine Dependance der in dieser Woche startenden Berlin Art Week". Noch will er nicht den endgültigen Abgesang auf das Gorki anstimmen, aber Begeisterung klingt auch anders: "Mit ihrer leicht musealen Erinnerung an die Avantgarde von einst wirkt die ganze hermetisch verrätselte Installation, als wollte sich das Theater zum Schutz vor einer nervösen Gegenwart in der Kunstgeschichte einkapseln (…) Çağla Ilk signalisiert dem alten Gorki-Publikum aus den Zeiten eines beschwingten, gerne direkten und angriffslustigen Volkstheaters mehr als deutlich, dass diese fröhlichen Zeiten am Gorki fürs Erste vorbei sind." Katrin Bettina Müller hofft in der taz, die Intendanz möge sich schnell besinnen, "weniger museal" zu werden.

"Love, Death and Shadows". Bild: Sebastian Hoppe.


Christian Friedel ist ja ein versierter Shakespeare-Interpret, weiß Nachtkritiker Vincent Koch, der am Staatsschauspiel Dresden "Love, Death and Shadows" sieht, eine Sammlung an Sonetten. Nicht alle Szenen überzeugen gleichermaßen, aber Highlights gibt es, zum Beispiel ein "Requiem, bei dem leblose Kinder auf Tischen liegen und Menschen mit Schnäbeln auftauchen. Ein nackter Tänzer mit Hirschgeweih thront darüber. Schließlich mündet die Totenmesse in einer langen Sequenz, bei der das Ensemble an Tischen steht und mit den Händen und Armen eine schweißtreibende Choreografie des Hackens, Schlagens und Klopfens vollzieht. Erst denkt man an eine Fabrik, eine Maschine, dann ist es plötzlich in Körpersprache übersetztes Schlachten. Der Bass wird ohrenbetäubend laut, unaushaltbare Satzfetzen hämmern sich ins Hirn, drücken einen brachial in den Sitz. Es ist der intensivste Moment an diesem Abend, weil man hier emotional erschlagen wird und an die Gewalt in dieser kaputten Welt denken muss. Kein Ende in Sicht." Weitere Besprechung in der FAZ.

Besprochen werden: Mikheil Charkviani inszeniert Kafkas "Der Prozess" am Staatstheater Wiesbaden (FR, Nachtkritik), Milena Mönch bringt Anton Tschechows "Die Möwe" am Mainzer Staatstheater auf die Bühne (FR), "Welcome to Schöny - please get the fuck out!" von Rebekka Kricheldorf, Regie führt Erich Sidler am Deutschen Theater Göttingen (Nachtkritik), "Merlin oder das wüste Land" von Tankred Dorst, Regie von Antú Romero Nunes am Wiener Burgtheater (Nachtkritik) und Marina Abramovićs "Balkan Erotic Epic" bei der Ruhrtriennale (Zeit, taz).
Archiv: Bühne

Architektur

Weiteres: Bernhard Schulz resümiert für Monopol den Wettbewerb um den Erweiterungsbau des Brücke-Museums in Berlin.
Archiv: Architektur

Musik

HipHop steht historisch eher für Zusammenkunft und ein Aushandeln von Gesellschaft im Dialog statt für brutale Dumpfheit, schreibt Julian Weber in der taz und ärgert sich entsprechend über den Frankfurter Rappers Dahabflex, der bei einer Veranstaltung der Berliner Linken durch pro-palästinensische Dummparolen aufgefallen ist. Max Florian Kühlem berichtet in der SZ aus Monheim, wo die Kulturraffinerie K714 mit einem Konzert des Concertgebouw Orchestra Amsterdam eröffnet wurde. Manuel Brug (Welt) begleitet das Orchester der Bayreuther Festspiele bei dessen Spanientour. Ulrich Stock blickt für ZeitOnline auf das Cage-Projekt in Halberstadt, wo bis ins Jahr 2640 die Komposition "Organ²/ASLSP" läuft, und lobt das damit verbundene ehrenamtliche Werk. Kai Spanke plaudert in der FAZ mit Farin Urlaub von den Ärzten, der vor wenigen Tagen sein Soloalbum "Ein Lächeln im Gesicht" veröffentlicht hat.



Besprochen werden die Aufführung von Yvonne Loriods "La Sainte Face" beim Musikfest Berlin (NMZ), ein von Simon Rattle dirigierter Schumann-Abend des Freiburger Barockorchesters beim Musikfest Berlin (VAN) und ein Mendelssohn-Konzert des Dresdner Kreuzchors in Frankfurt (FR).
Archiv: Musik

Design

Die Volkswagen-Krise zeigt sich auch im Design, ja mehr noch - vielleicht ist das Design sogar mit dran schuld, dass der einstige Hersteller egalitärer Automobile wie dem Käfer und dem klassischen Golf heute im Trüben fischt, schreibt Niklas Maak in der FAZ. "Die Designkrise bei Volkswagen spiegelt einen Wertewandel wider: Der unaufgeregte ästhetische Konsens der nivellierten Mittelstandsgesellschaft, der die Bundesrepublik als zuverlässiges 'Normcore' prägte, ist verloren, die VW-Modelle spiegeln den Wunsch der Kunden nach Sicherheit und Dominanz im Verkehr wieder und danach, etwas Besonderes darzustellen; viele Modelle der Marke schauen wie indignierte Tiefseefische auf die Straße und versuchen, mit barocken Blechhüften, riesigen Kühlermäulern und thriumphalistischer SUV-Aggressionsoptik über ihre technischen Unzulänglichkeiten hinwegzutrösten - und über ihren saftigen Preis. Volkswagen hat das Volk vergessen."
Archiv: Design
Stichwörter: Volkswagen, Autos, Autodesign