Die liberale Demokratie galt uns lange als selbstverständlich. Nun steckt sie in der Krise. Immer deutlicher wird, dass die Demokratie fragil ist und der Pflege bedarf. Sie erschöpft sich nicht in Leitartikeln oder Talkshows, im Gang zur Wahlurne oder in Parlamentsdebatten. Sie ist nicht allein eine Herrschaftsform. Wollen wir mehr sein als unbeholfene Demokraten, so Till van Rahden, müssen wir die Umgangsformen pflegen, die Streitkultur stärken und die öffentlichen Räume ausbauen, die es uns gerade im Alltag ermöglichen, Gleichheit wie Freiheit zu erleben und demokratische Tugenden einzuüben. Demokratie erfahren wir auch im Park und im Schwimmbad, im Kindergarten und auf dem Spielplatz, in der Schule und in der Familie. Dieses Buch wirft Schlaglichter auf die Geschichte der Bundesrepublik, die ihre sozialen und kulturellen Voraussetzungen anschaulich machen. Statt den Niedergang der Demokratie zu beklagen, gilt es, unser Bewusstsein für sie zu schärfen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 04.02.2020
Jens Hacke empfiehlt nachdrücklich dieses "elegante" und unaufdringliche Brevier des Historikers Till van Rahden, der Demokratie "jenseits des intellektuellen Höhenkamms" betrachten will. Für Rahden, betont der Rezensent, ist Demokratie vor allem eine Lebensform, zu der ein respektvoller, toleranter Umgang gehört und die bereits in der Familie beginne. So verweist Rahden dem Rezensenten zufolge auf die Bedeutung eines Urteil, mit dem das Prinzip der väterlichen Entscheidungsgewalt verfassungsrechtlich kassiert wurde: Eine Gesellschaft der Gleichen verträgt sich nicht mit einem autoritären Vater. Dass sich Demokratie an ihrer Praxis messen lassen muss, macht der Autor dem Rezensenten mehr als klar: Wenn Schwimmbäder und Bibliotheken schließen, lernt er, liegt das nicht nur an knappen Kassen, sondern auch an einem Verlust der demokratischen Kultur und Gemeinwohlorientierung.
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