Aus dem Englischen von Stefan Kraft. Terry Eagleton untersucht in seinem neuen Buch den Gedanken und das Ereignis des Opfers, das für ihn Grundlage der modernen wie auch traditioneller Gesellschaftsordnungen darstellt. Während der gegenwärtige Zeitgeist das Opfer als barbarisch und rückständig betrachtet (oder es nur als individualistisches Mittel der Selbstoptimierung kennt), ist es für Eagleton von zentraler Bedeutung für Geschichte und Emanzipation der Menschheit.
Rezensentin Marlen Hobrack ist in Bezug auf das neuestes Buch des marxistischen Literaturtheoretikers Terry Eagleton über die Logik des Opfers zwiegespalten. Gelungen findet sie seine hochinteressanten treibenden Gedanken, die er hauptsächlich vom "judäo-christlichen Verständnis" des Opfers aus entwickelt, und seine unterhaltsamen Nebensätze - höchst aufschlussreich in einer Zeit, da dauernd vom großen Opfer der Ärzte und des Pflegepersonals für die Allgemeinheit gesprochen wird, so Hobrack. Nicht so gelungen ist ihrer Meinung nach die Engführung auf eine marxistische Pointe, denn die kommt ihr zufolge erst auf der letzten Seite in Form einer Stilisierung der Revolution als modernes Opfer. Findig, ja, aber das hätte man noch ausführen sollen, meint sie.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.03.2020
Rezensent Johann Hinrich Claussen wird zwar nicht recht schlau aus Terry Eagletons Versuch, aus der "Weltgeschichte des Opfers" und aus dem Wesen des Christentums "politische Schlussfolgerungen" zu ziehen und zu einer revolutionären, marxistischen Praxis zu gelangen, anregend aber findet er die Lektüre allemal. Da geht es Claussen mit diesem Buch nicht anders als mit früheren Texten des Autors. Eagleton, versichert er, fällt immer etwas Erfrischendes ein, seine Ideen und Assoziationen eröffnen jederzeit neue Verbindungen. Eagletons Sinn für Religion und seine Kenntnis christlicher Traditionen werden für Claussen einmal mehr offenbar, wenn der Autor Begriffe wie Liebe, Tod, Opfer auf ihre Relevanz untersucht.
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