Mit einem Nachwort von Joachim Fischer. Plessners "Grenz-Schrift" galt seit 1924 als Geheimtipp. Entlang einer für deutsche Verhältnisse seltenen Limitierung von Gemeinschaftsutopien sucht sie durch die Denkfigur einer "Sehnsucht nach den Masken" ein "Gesellschaftsethos" zu begründen, das sich in den Kernkategorien "Distanz". "Spiele", "Zeremonie und Prestige", "Diplomatie und Takt" verdichtet.
Endlich liegt Helmuth Plessners "Grenzen der Gemeinschaft" in einer Neuausgabe vor, freut sich Rezensent Stephan Schalk. Lange war Plessners "Grenzschrift" ein Geheimtipp, berichtet der Rezensent über die kleine Schrift, die 1924 in "zivilisationsmüder Zeit" zuerst erschienen war. Plessners grundlegende anthropologische Prämisse darin ist, dass der Mensch von Natur aus künstlich sei, weiß Schalk. Der authentische Gemeinschaftswille allein reicht nach Plessner zum Zusammenleben nicht aus, der Mensch bedarf vielmehr sekundärer sozialer Regeln, die ihm ein funktionierendes Zusammenleben garantieren, erläutert Schalk. Wer als Emanzipationsfreund auf ein Formenkleid meine verzichten zu können, mache sich in Plessners sozialen Welt lächerlich. Schalk hebt hervor, dass die ursprünglich vor allem gegen die sozialradikale bündische Jugendbewegung gerichtete "Grenzschrift" von ihrer polemischen Kraft nichts eingebüßt hat.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 04.05.2002
Nicht mehr und nicht weniger als "einer der kraftvollsten Texte der theoretischen Literatur des 20. Jahrhunderts" ist dieses vor achtzig Jahren erschienene, nun endlich an prominenter Stelle neu veröffentlichte Buch, meint Ulrich Raulff. Die Bedeutung des Buches sieht er darin, dass man nach der Lektüre die Gesellschaft ganz neu sehen wird, "mit einem kalten, klaren Blick". Der Text wurde bei seinem Erscheinen viel diskutiert, dann aber völlig vergessen, erst Anfang der achtziger Jahre setzte eine Renaissance ein. Erst nach dem Ende der, so Raulff, "ideologischen Kapellen und Glaubensgemeinschaften" hatte man für den polemischen Essay wieder ein Ohr für die Kühle, mit der Plessner, der studierte Zoologe, den Menschen beobachtete. Seine Hauptthese war die vom Trieb des Menschen zur Distanznahme, zur Künstlichkeit, zu Masken und Spiel. Und der Rezensent hält es für kein geringes Verdienst, dass dieses Buch "bis heute quer" steht nicht nur zu den Texten seines Entstehungsumfelds, sondern auch zu den gegenwärtigen Diskursen.
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