Eine einzige Fliege, so hat Leibniz einmal gesagt, kann den ganzen Staat verändern. Den überraschenden Wegen dieses eigensinnigen Insekts folgend, rekonstruiert Davide Giuriato eine noch ungeschriebene Geschichte von den Anfängen unserer Kultur bis zur Gegenwart, von antiken Imaginarien der Macht bis zur politischen Ökologie unserer Tage. Wo immer die Fliege in den Wissenschaften, in Kunst und Literatur, in Philosophie und Geschichte die Aufmerksamkeit auf sich zieht, steht die Faszination für ein Insekt im Vordergrund, das anders als die Biene oder die Ameise weder Staat noch Familie kennt und gängige Ordnungsmuster unterläuft. Denn in Wahrheit ist die kulturelle Semantik der Fliege ungleich reichhaltiger, flexibler und komplexer - sie erscheint so anarchisch wie ihre Flugbahnen, die kontingent, regellos und unkontrollierbar wirken. Gerade in dieser Unruhe liegt indes ihr revolutionäres Potenzial, das es in der Vielfalt seiner Möglichkeiten noch zu entdecken gilt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 03.09.2026
Mit schlechten Image der Fliegen räumt Davide Giuriato in seinem Buch gründlich auf, versichert Rezensent Michael Opitz. Der Autor betrachtet den Umgang von herrschenden mit den kleinen Insekten als durchaus aussagekräftig für deren sonstigen Regierungsstil. Da wäre zum Beispiel der Kaiser Domitian, berühmt dafür, stundenlang Fliegen zu jagen und aufzuspießen, und gleichzeitig ein sadistischer Menschenfolterer, wie wir lesen. So wird bei Giuriato die Fliege zum "Medium, um politische Kritik" zu üben, erklärt der Kritiker. Das ist durchaus "erhellend" und gut argumentiert, findet er. Außerdem erscheint hier die Fliege viel weniger als Nervensäge, sondern als unbeherrschbarer Einzelgänger, damit Revolutionären ähnlich, der bei den Mächtigen durch die Epochen hinweg für Ärger sorgte. Dank den literarischen und philosophischen Erkenntnissen des Autors eine durchaus bereichernde Lektüre für den Kritiker.
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