Magazinrundschau

Zarte Kritzeleien

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
13.10.2026. Der Guardian porträtiert Scheich Tahnoun bin Zayed Al Nahyan, Chef des KI-Konzerns G42 und praktischerweise auch Geheimdienstchef der Vereinigten Arabischen Emirate. Eurozine fragt, warum die EU den serbischen Autokraten Aleksandar Vučić so herzlich hofiert. In Le Grand Continent denkt Eva Illouz über Dreyfus-Affäre und Genozidvorwurf-Affäre nach. Vanity Fair porträtiert einen der reichsten (und verschuldetsten) Vertreter des "neuen Establishments" in den USA: Larry Ellison.

Guardian (UK), 13.10.2026

Jack Shenker porträtiert Scheich Tahnoun bin Zayed Al Nahyan, ein Mitglied der Herrscherfamilie der Vereinten Arabischen Emirate, der seit geraumer Zeit als "Strippenzieher, Finanzier und Geheimdienstler" reüssiert. Shenker zeichnet nach, wie Tahnoun über die letzten Jahrzehnte hinweg einerseits schier unüberblickbare wirtschaftliche Ressourcen ansammelte und wie er andererseits den Geheimdienstapparat der Emirate fest unter seine Kontrolle bekam. Derzeit arbeitet er daran, diese beiden Interessen miteinander zu verbinden - und zwar, wen wundert's, mithilfe einer KI-Firma. Die trägt, als Hommage an Douglas Adams, den Namen G42 und hat es in sich: "Wie viele andere Technologiekonzerne verfolgt auch G42 das Ziel, KI als grundlegende Infrastruktur neu zu denken - vergleichbar mit Wasser- oder Stromversorgung. Dieses Konzept wird als 'Intelligence Grid' bezeichnet. Anders als bei seinen Pendants im Silicon Valley ist das Intelligence Grid von G42 jedoch aus dem Geheimdienstapparat eines tatsächlich existierenden Nationalstaats hervorgegangen. In seiner Außendarstellung hebt das Unternehmen insbesondere seine Sicherheitskompetenzen hervor. Es verspricht Regierungen und Unternehmen eine 'Echtzeitabwehr von Bedrohungen' und bietet prädiktive Werkzeuge an, die unter anderem die 'Profilbildung von Verdächtigen', die 'Kartierung von Beziehungsnetzwerken' und 'Verhaltensanalyse' umfassen." Silicon Valley ist mit an Bord - Microsoft hat in G42 investiert, andersherum unterhält Tahnouns Firma enge Beziehungen mit Anthropic, xAI und OpenAI. (Zu Trump selbstverständlich auch.) Shenker wundert das nicht: "Tahnoons Anziehungskraft auf das Silicon Valley liegt auf der Hand. Wenn man schon Geschäfte mit einem ölreichen Autokraten aus der Golfregion machen will, dann scheint es nur folgerichtig, sich für einen zu entscheiden, der einem weitgehend digitalisierten Staatssicherheitsapparat vorsteht und nachweislich riesige Mengen personenbezogener Daten abschöpft - jenes Rohmaterials, auf dem die eigene Technologie beruht. Mark Zuckerberg, Sam Altman und Elon Musk mögen allesamt äußerst einflussreiche Köpfe der KI-Branche sein, aber keiner von ihnen leitet gleichzeitig auch noch die CIA."

Allessio Perrone arbeitet noch einmal ausführlich den Fall "Otto Z." auf, der in Deutschland vor ein paar Jahren für Aufregung sorgte (mehr hier). Wir erinnern uns: ein aus datenschutzrechtlichen Gründen nur als Otto Z. bekannter Mediziner fingierte historische Quellen, um den Gerichtsmediziner Matthias Graw fälschlich des Plagiats zu beschuldigen zu können. Spätestens als Otto Z. mit einer komplett anderen Anschuldigung nachlegte, hätte man aufmerksam werden müssen: In einem Interview mit der Bild behauptete er, "Graw habe seiner Mutter während der Obduktion einen Goldzahn gestohlen. In dem Artikel behauptete Otto außerdem, seine Mutter Doria habe als Jüdin den Holocaust überlebt - eine Darstellung, die unweigerlich eine Parallele zwischen dem Diebstahl des Goldzahns und den nationalsozialistischen Konzentrationslagern nahelegte." Hinweise darauf, dass seine Mutter tatsächlich eine Holocaustüberlebende war, sind bislang nicht aufgetaucht. Otto Z. freilich, schließt Perrones Text, hat auch 2026 noch nicht aufgegeben: "Otto weist die Vorwürfe, psychisch krank zu sein, als Versuche zurück, ihn zu diskreditieren. Er erzählte mir, dass er in Serbien ein Haus gekauft habe, das er in eine Gedenkstätte für seine Mutter verwandeln wolle. Mit der langsamen, ehrfürchtigen Akribie, die all seinem Tun eigen ist, versucht er, den gesamten Lebensweg Dorias nachzuzeichnen. In der Gedenkausstellung, so sagte er, werde er zeigen, dass sie den Holocaust überlebt hat, und die tatsächliche Abfolge der Ereignisse darlegen, die zu ihrem Tod führten."
Archiv: Guardian

Eurozine (Österreich), 12.10.2026

Erschüttert, aber nicht gerade überrascht verfolgte Tihomir Loza, wie der Kriegsverbrecher Ratko Mladić im September mit großen Staatsehren beigesetzt wurde. Der Nationalismus ist wieder auf dem Vormarsch, hält Loza fest, insofern er denn je weg war. Denn die Serben hätten sich nie wirklich mit ihrer gewaltvollen Vergangenheit auseinandergesetzt. Aber auch die EU trägt Mitverantwortung am "demokratischen Verfall" Serbiens, kritisiert er. Aleksandar Vučić, der nach einem taktischen Rücktritt bei den nächsten Wahlen erneut für das Amt des Präsidenten kandidieren wird, hat das Land zunehmend autoritär regiert, wurde aber dennoch von europäischen Staatschefs hofiert: "Westliche Regierungen - insbesondere Frankreich und Deutschland - haben Vučić als unverzichtbaren Garanten für die Stabilität des Balkans behandelt. Seine Versprechen bezüglich des Kosovo, Serbiens Rolle als indirekter Munitionslieferant für die Ukraine, seine von der europäischen Industrie begehrten Lithiumreserven und seine gelegentlichen Distanzierungsgesten gegenüber Moskau hatten oft mehr Gewicht als die demokratischen Institutionen des Landes. Dieser Pakt war moralisch fragwürdig und strategisch kurzsichtig. Vučić hat ein System geleitet, in dem die Grenzen zwischen Regierungspartei, Staat, aggressiv parteiischen und oft unaussprechlich profanen Medien, organisierter Kriminalität, Kirche und Gewalt auf der Straße verschwommen sind. Europäische Institutionen haben den Abbau der Medienfreiheit, der Integrität von Wahlen und der Rechtsstaatlichkeit dokumentiert. Dennoch bereiten europäische Staats- und Regierungschefs ihm weiterhin zeremonielle Empfänge, Investitionsabkommen und den Anschein internationaler Unentbehrlichkeit. Der französische Präsident Emmanuel Macron empfing Vučić nur zwei Tage nach Mladićs Beerdigung im Élysée-Palast. Obwohl EU-Beamte die Beteiligung des serbischen Staates verurteilten, spielten sie deren Bedeutung herunter... Zwei Wochen später hielten Kameras eine auffallend herzliche Begegnung zwischen von der Leyen und Vučić bei der UN-Generalversammlung fest - demselben Mann, den sie wiederholt mit 'lieber Aleksandar' angesprochen hatte."
Archiv: Eurozine

Le Grand Continent (Frankreich), 07.10.2026

Eva Illouz versucht in einem Aufsehen erregenden, wenn auch am Ende nicht völlig überzeugenden Essay, die Dreyfus-Affäre mit der "Genozidvorwurf-Affäre" zu vergleichen. In beiden Affären ging es ja um Antisemitismus, sie ermöglichen es Illouz, den Zustand der Öffentlichkeiten am Ende des 19. Jahrhunderts und nach dem 7. Oktober zu vergleichen, wobei ihr klar ist, dass die eine Debatte in einem nationalen Rahmen geführt wurde, die andere global. Der Unterschied liegt für Illouz unter anderem darin, dass Zola noch jahrelang um die Wahrheit kämpfen musste, die am Ende durch die Rehabilitierung Dreyfus' anerkannt wurde, während die Wahrheit beim Genozidvorwurf von vornherein etabliert wurde und keiner Fakten zu bedürfen scheint. Problematisch ist der Artikel, weil Illouz am Ende die Zeitungsöffentlichkeit der Dreyfus-Zeit in Habermas-Manier idealisiert, während sie zum Beispiel heute überhaupt nicht die Rolle der traditionellen Medien reflektiert - denn diese sind es ja, die heute weithin der israelkritischen Seite zuneigen, während zum Beispiel die Korrekturen der Totenzahlen und der Gerüchte über israelische Angriffe auf Krankenhäuser oder über ein gezieltes Aushungern der palästinensischen Bevölkerung aus sozialen Medien und Blogs kamen. Aber in einem Punkt ist Illouz' Artikel zutreffend: dort, wo sie die universitäre Industrie der Begriffsprägung schildert. Universitäre Akteure profitieren, so Illouz, wenn sie Begriffe wie etwa "Trauma" oder eben "Genozid" bis zur Unkenntlichkeit weiten. "Warum diese Dehnung der Begriffe? Vier Merkmale der Soziologie wissenschaftlicher Gemeinschaften erklären dies. Berufliche Interessen: Die Ausdehnung eines Begriffs bedeutet, über mehr Ereignisse zu verfügen, die untersucht und gelehrt werden können, um auf diese Weise mehr Kolloquien zu organisieren, mehr Zitate zu bekommen und ein größeres öffentliches Echo zu erzielen. Moralisches Unternehmertum: Howard Becker prägte den Begriff der 'Moralunternehmer', um Akteure, Experten und Aktivisten zu bezeichnen, die dafür kämpfen, soziale Probleme als schwerwiegende moralische Bedrohungen anzuerkennen, und die dadurch an Einfluss und Ressourcen gewinnen. Anreizstrukturen: Die akademische Welt belohnt Neuheit und Relevanz stärker als terminologische Genauigkeit. Berufungen, Beförderungen, Fördermittel und die redaktionelle Politik von Fachzeitschriften würdigen neue, sensationelle oder gesellschaftlich relevante Thesen stärker als konzeptionelle Präzision oder Reproduzierbarkeit von Ergebnissen. Wissenschaftliche Disziplinen als Zünfte: Der Soziologe Randall Collins vertrat die Ansicht, dass wissenschaftliche Disziplinen wie Zünfte funktionieren, in denen Theorien und Konzepte ein kulturelles Kapital darstellen, das dazu dient, Grenzen zu ziehen, um Status zu konkurrieren und die Zahl der Diplomierungen zu vergrößern. Forscher erweitern ihr Fachgebiet, um den Einfluss ihrer Zunft zu vergrößern." Was zählt da noch Wahrheit?

Dekoder (Deutschland), 06.10.2026

"Der Westen hat mit Staunen die Ukraine und Belarus entdeckt, die vorher für ihn nicht existierten", konstatiert der belarussische Schriftsteller Alhierd Bacharevič im Interview mit dem belarussischen online-Magazin Zerkalo (ins Deutsche übersetzt und gekürzt von Tina Wünschmann auf Dekoder). Und er berichtet auch vom Staunen derjenigen Russen, die nach Belarus kommen, um dort die Plätze der Exilanten einzunehmen. "Ich lese von ihren Eindrücken, Problemen, Träumen, von ihren Zielen und Motivationen … Und mir scheint, dass sie eine wichtige Tatsache nicht verstehen: Wie man es auch dreht, die massenweise Ansiedlung in einem Land, das aus politischen Gründen einen riesigen Bevölkerungsschwund erlebt, sieht nach einem böswilligen Ersetzen der 'Entlaufenen' durch 'Normale' aus - denn natürlich nehmen die Russen die Plätze jener hunderttausenden Belarusen ein, die das Land gezwungenermaßen verlassen haben. 'Gezwungen' ist in diesem Kontext ein wichtiges Wort. Die Mehrheit der Belarussen im Exil hat Belarus nicht auf eigenen Wunsch verlassen. Verstehen die Umsiedler aus Russland, wo sie sich da niederlassen? Jede Immigration verändert ja das Land, in dem die Menschen sich ansiedeln, und Belarus war auch vorher schon überschwemmt mit russischer Kultur, russischer Sprache, russischem Pop. Leider war und bleibt Russland für viele Belarussen das einzige Fenster zur Welt, ebenso die russische Sprache. Früher träumte ich davon, dass mein Belarus Zufluchtsort für Menschen aus aller Welt sein könnte. Stattdessen ist etwas ganz anderes passiert: Belarus wird zu einer Art billigem, zugänglichen Europa für die Russen, zum Bungalow des Imperiums: Hübsch ist es dort im Sommer auf dem Land… Die Belarussen und Russen haben einen ähnlichen kulturellen Code, nicht denselben, aber leider ist er verwandt, denn das Imperium hatte hier ausreichende Wirkung - und so wird aus der Migration als sozialer Frage ein Problem von historischem, zivilisatorischem Ausmaß. (...) Auf die Frage, was man dagegen tun kann, wiederhole ich die alte Antwort: Belarussisch sprechen, Belarussisch schreiben, Belarussisch lesen, die eigene Andersartigkeit zeigen. Wir wiederholen ja nicht ohne Grund seit Jahrzehnten dieses gemarterte wie heilige Wort mova (belarus. für Sprache). Wir tun das nicht aus rituellen Gründen, sondern aus pragmatischen. Die Sprache ist tatsächlich das wirkmächtigste Mittel im Kampf gegen die Assimilation."
Archiv: Dekoder
Stichwörter: Belarus, Bacharevic, Alhierd

Elet es Irodalom (Ungarn), 09.10.2026

Anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Kulturzeitschrift Prae plädiert deren Mitbegründer, der Literaturhistoriker Endre Balogh, für ein Grundeinkommens für Künstler: "Dies könnte sowohl die Zeitschriften- als auch die Buchkultur stärken, ja sogar die der literarischen Organisationen. Würde man das Grundeinkommen daran knüpfen, dass die Organisationen von ihren Mitgliedern bestimmte Leistungen erwarten, beispielsweise regelmäßige Veröffentlichungen oder Bucherscheinungen, dann würde auch der Wert der Zeitschriften, Verlage und literarischen Organisationen steigen. Das Ministerium könnte beispielsweise gemeinsam mit der Literaturgewerkschaft und anderen Literaturorganisationen ein Kriteriensystem ausarbeiten und festlegen, dass jemand, der ein Grundeinkommen erhält, mindestens zwei Bücher bei einem unabhängigen Verlag veröffentlicht haben muss. Die Einhaltung solcher Kriterien müssten dann die Autorenverbände überprüfen. Ein künstlerisches Grundeinkommen in Höhe von etwa 300 bis 400 Euro pro Monat würde den Kulturschaffenden dabei helfen, weniger Brotarbeit machen zu müssen. Sie könnten sich davon zwar nicht vollständig ernähren, aber die Aufrechterhaltung eines solchen Systems wäre für die Gesellschaft auch nicht gefährlich teuer; bei der Sportförderung gibt es ja bereits ein ähnliches System."

Seznam Zpravy (Tschechien), 09.10.2026

Nachdem auf der Eröffnungsfeier der Frankfurter Buchmesse der tschechische Kulturminister Oto Klempíř (selbst parteilos, aber von der Motoristenpartei ins Amt gehieft) von Tschechen im Saal lautstark beschimpft und anschließend in der Rede von Radka Denemarková scharf kritisiert wurde (mehr dazu hier), ist auch die Schriftstellerin Kateřina Tučková ihrer Kollegin beigesprungen: "Den Kulturminister vor internationalem Publikum über Exilautoren sprechen zu hören, die [in Deutschland] Zuflucht vor der Verfolgung durch das totalitäres Regime gefunden hatten, an dessen Funktionieren er selbst mitgewirkt hatte, war absolut widerlich. Dazu konnte man nicht schweigen", zitiert Novinky die Autorin. Oto Klempíř hatte sich 2019 dazu bekannt, in den Jahren 1984 bis 1985 "unter Zwang" für den Staatssicherheitsdienst gearbeitet zu haben. Inzwischen hat er sich in Tschechien gegen die Angriffe von Denemarková verwahrt: "Mich würde interessieren, wie viele Bücher von Frau Denemarková von den Bolschewisten verboten wurden, wie oft sie in Untersuchungshaft saß und wie oft sie so sehr zermürbt wurde, dass sie sich selbst verleugnen und verbiegen und wie einen Putzlumpen herumschleifen lassen musste, wie es mir geschehen ist. Ich glaube, so etwas hat sie nie erlebt." Klempíř machte außerdem darauf aufmerksam, dass sich Autoren und Verleger der beträchtlichen Summen bewusst sein sollten, mit denen sie gefördert würden, erinnert das Magazin Seznam Zprávy. Radka Denemarková entgegnete darauf wiederum (in einem Gespräch mit Marie Bastlová): "Er versteht überhaupt nicht, dass die finanzielle Unterstützung von Kultur und Literatur durch das Kulturministerium nicht zugleich bedeutet, uns einen Maulkorb zu verpassen (…) Darum geht es doch nicht. Kultur, Literatur sind unabhängig und frei." Nicht sie und andere Schriftsteller hingen von ihm ab, sondern er von ihnen.
Archiv: Seznam Zpravy

New Yorker (USA), 12.10.2026

Die Yakuza verkaufen sich gern als Nachfahren der Samurai, als Untergrund-Kämpfer für Gerechtigkeit. Nichts könnte weiter entfernt von der Wirklichkeit sein, lernt Ian Buruma aus Andrew Rankins Buch "Yakuza: A 400-Year History of the Japanese Underworld". Wie die Mafia verbündet sie sich viel lieber mit der Politik: "Schutz und Hilfe von Gangstern haben normalerweise einen hohen Preis. Und der Gedanke, dass die Yakuza sich auf die Seite des gemeinen Mannes schlagen würden, ist selten mehr als ein Fantasma. In erster Linie helfen sie Politikern, die ihnen nützen. Wie kriminelle Organisationen überall tendieren auch die Yakuza dazu, konservativ zu sein. Als die Bürger 1918 den Aufstand probten, weil die Preise von Grundnahrungsmitteln wie Reis außer Kontrolle geraten waren, wurden Gangster angeheuert, um die Demonstrationen zu brechen. Sie wurden außerdem rekrutiert, um Streiks niederzuschlagen und Druck auf Gewerkschaften auszuüben. Der reaktionäre Geist der Mobster war den Autoritäten besonders nützlich, als nach der russischen Revolution auch in Japan linke Strömungen an Aufwind gewannen. Die Yakuza haben ultranationalistische Gruppierungen wie die National Essence Society unterstützt, die darauf abzielten, fremde Einflüsse wie den Marxismus zu zerstören. Einige Yakuza-Bosse sind sogar ins Parlament gelangt. Einer von ihnen hat seinen Reichtum auf dem Bordell seiner Schwester aufgebaut. Ein anderer, Koizumi Matajiro, der ein rotes Drachentattoo auf dem Rücken hatte, hat sich einen Namen gemacht als harter Hund eines Marinestützpunktes (sein Enkel Koizumi Junichiro war von 2001 bis 2006 Premierminister)."
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Yakuza, Japan

Blätter (Deutschland), 01.10.2026

Der Sozialwissenschaftler Steffen Vogel erzählt wie Pazifisten, Linke, ja Anarchisten in der Ukraine auf Vorbilder wie Orwell und Camus zurückgreifen, um ihr Engagement in der ukrainischen Armee zu begründen. Ein Beispiel ist für ihn der Journalist und Menschenrechtsaktivist Maksym Butkewytsch, der sich nicht nur als Anarchist und Antimilitarist, sondern auch als Christ versteht. "Russlands Angriffskrieg stellt auch friedliebende Menschen vor ein Dilemma, das Butkewytsch so beschreibt: 'Nun, angenommen, Sie werden Zeuge eines schrecklichen Gewaltverbrechens. Um es abzuwenden, müssen Sie aber Gewalt anwenden. Werden Sie es tun? Nun, ich schon, denn wenn ich nicht eingreife, bin ich verantwortlich dafür, dass ich das Verbrechen geschehen lasse.' Zum anderen zieht es Butkewytsch wie Orwell vor, in einer Demokratie zu leben, deren Missstände und Ungerechtigkeiten er immer wieder angeprangert hat, als in einem System wie in Russland. Wie Orwell glaubt er an die Veränderbarkeit der eigenen Gesellschaft und ist deshalb bereit, für sie zu kämpfen. Das beschreibt er als Konsens unter den - sozial und religiös äußerst unterschiedlichen - Soldaten, mit denen er dient: 'Was dieses Kollektiv eint, ist die Wertschätzung dessen, was die Ukraine für alle hier bedeutet: das Gefühl der Zugehörigkeit und die Selbstidentifikation als freie Menschen, die ihre Entscheidungen in einem freien Land treffen.'"

Außerdem online freigeschaltet: Der Politologe Markus Linden über "Friedrich Merz und den Niedergang der CDU".
Archiv: Blätter

HVG (Ungarn), 08.10.2026

Im Gespräch mit HVG ist die Soziologin Kim Lane Scheppele, die sich an der Princeton University mit der Erforschung des ungarischen politischen Rechtssystems beschäftigt, hingerissen von den Veränderungen, die es in Ungarn seit der Wahl von Péter Magyar und seiner Tisza-Partei bereits gegeben hat: "Vielleicht ist es noch zu früh, das zu sagen, aber die neue Regierung ist fantastisch. Es ist, als hätten sich die Dinge bereits verändert. Was in diesem Jahr geschah, war eine Volksbewegung, während das, was 1989 geschah, eher ein glücklicher 'historischer Zufall' war. Die Sowjetunion hatte beschlossen, sich in mehreren Etappen aufzulösen. Jetzt hingegen musste man für den Wandel kämpfen, und deshalb empfindet ihn jeder als sein eigenes Werk. Der öffentliche Diskurs hat sich völlig belebt, wozu auch gehört, dass in den sozialen Netzwerken Massen die Regierung angreifen, wenn sie eine Entscheidung trifft, die ihnen nicht gefällt. Und wie ich höre, antwortet die Regierung auf die Anrufe von Journalisten genauso wie auf die der Botschaften. (…) Im Idealfall wird es bis 2030 ein neues Wahlgesetz mit proportionaler Vertretung geben, und meiner Meinung nach wird sich die Tisza in drei, vier, vielleicht sogar fünf Parteien aufspalten. Es werden neue Kräfte zurückkehren, welche jetzt die Vielfalt innerhalb der Tisza verkörpern, nicht die alten. Bis dahin muss die Tisza jedoch geschlossen bleiben, solange das neue Wahlgesetz und die neue Verfassung noch nicht fertiggestellt sind. Diese beiden sind die Garantie für die Entstehung einer neuen Demokratie."
Archiv: HVG
Stichwörter: Scheppele, Kim Lane, Tisza, Ungarn

London Review of Books (UK), 13.10.2026

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Wie eine Wundertüte erscheint der Literaturwissenschaftlerin Gill Partington der von Steve Clay und M.C. Kinniburgh herausgegebene Band "After Word", der visuelle und experimentelle Poesie aus kleinen Zeitschriften zwischen 1960 und 2025 versammelt. In den zu Beginn auf Mimeographenmaschinen gedruckten Zeitschriften, die Titel wie "Fuck You/A Magazine of the Arts" trugen, sind Experimente zu entdecken, die die Poesie an die Grenze der Lesbarkeit brachten, mitunter gegen die Sprache selbst protestierten und nach einer neuen, universellen Kommunikationsweise suchten, freut sich Partington. Etwa das von dem amerikanischen Dichter l.a. levy herausgegebene "Tibetische Stroboskop": "Der Titel verwies auf eine Bildgebungstechnik, die Mitte der 1960er Jahre dazu eingesetzt wurde, die Sinne zu verwirren. Die Stroboskoplampe, die bei Musikkonzerten zum Einsatz kam, löste durch ihre rasche Abfolge von Standbildern halluzinogene Zustände aus. Die Effekte der Zeitschrift zielten auf eine vergleichbare sensorische Desorientierung ab: Reihen von Text, die überdruckt und unkenntlich gemacht waren, luden zum Lesen ein und verwehrten es zugleich. Etwa zur gleichen Zeit begann Tom Phillips, mit einer ähnlichen Technik zu experimentieren - in dem Werk, das wohl zum berühmtesten Beispiel für 'Erasure Writing' werden sollte: 'A Humument'; und die Argentinierin Mirtha Dermisache veröffentlichte ihre frühen 'asemischen' Gedichte, zarte Kritzeleien, die aus der Ferne wie Text aussehen. 'The Tibetan Stroboscope' steht im Dialog mit diesen Entwicklungen, doch seine verwischten Zeilen, die eher wie Schallwellen als wie Text wirken, erinnern auch an einen Begriff, den der Fluxus-Künstler und Dichter Dick Higgins geprägt hat: 'Intermedia'. Die Poesie der 1960er Jahre überschritt Grenzen, so Higgins, und verband sich nicht nur mit der Malerei, sondern auch mit anderen Kunstformen, darunter Musik und Performance."
Stichwörter: Experimentelle Poesie

Novaja Gazeta Europe (Russland / Lettland), 09.10.2026

Die Novaja Gazeta Europe druckt einen Auszug aus der Autobiografie von Vera Politkowskaja, die zum ersten Mal ins Englische übertragen wurde (auf Deutsch erschien sie 2023). Darin erinnert sie sich auch an ihre Mutter, die Journalistin und Putin-Kritikerin Anna Politkowskaja, die im Oktober vor 20 Jahren ermordet wurde: "Meine Mutter betrachtete ihr mögliches Schicksal aus rein praktischer Sicht. In dieser Hinsicht war sie sehr pragmatisch. Was ihr am Tod Angst machte, war, dass er sie unvorbereitet treffen könnte, bevor wir, ihre Kinder, dafür bereit wären. Es gab keine hochtrabenden oder tränenreichen Reden. Die wären ohnehin nutzlos gewesen. Wenn meine Freunde nach Hause gingen, fragten ihre Eltern: 'Möchtest du ein Eis?' Meine Mutter hingegen sagte mir: 'Die wichtigen Unterlagen sind in dieser Schublade' oder: 'Dort drüben ist Geld versteckt.' Sie sah mir direkt in die Augen, und wir schwiegen beide für eine Zeit, die mir wie endlose Sekunden vorkam. Dann nannte sie mir immer denselben Grund: 'Man weiß ja nie.' Ich wusste, dass sie wahrscheinlich wieder einen anonymen Drohanruf erhalten hatte oder eine Warnung von irgendwelchen 'wohlmeinenden Leuten' oder etwas anderes, von dem ich nichts wusste. Das passierte ständig. Sie sagte meinem Bruder und mir regelmäßig, was wir im Falle einer Tragödie tun sollten. Ich verstehe heute, dass das von außen betrachtet schrecklich klingen mag, aber in Wirklichkeit war es überhaupt nicht dramatisch. Sie versuchte, den Tod zu normalisieren. Sie bagatellisierte ihn nicht, sondern machte ihn als Teil des möglichen Preises, den sie zahlen müsste. Ich nehme an, sie dachte, das würde uns den Schock ersparen, der alles noch schwerer gemacht hätte. Sie wusste, dass sie für die Entscheidung, die sie getroffen hatte, würde bezahlen müssen, und manchmal machte sie sogar Witze darüber."

Vanity Fair (USA), 13.10.2026

Der Schwerpunkt der Oktober-Ausgabe von Vanity Fair ist dem "neuen Establishment" gewidmet, wozu VF Filmproduzenten wie Ryan Murphy oder Schauspieler wie Florence Pugh zählt, aber eigentlich geht es um diese zwei: Oracle-Gründer Larry Ellison und Sam Altman von OpenAI. Altman darf in einem Interview, das so lang wie nutzlos ist, erzählen, ob Regierungschefs ihn um Rat fragen, ob er verstehen kann, wenn Leute sich vor seinem Einfluss fürchten, und ob er noch mehr Kinder will. Da liest sich das Ellison-Porträt von Mark Guiducci sehr viel interessanter: Oracle ist ein 1977 gegründetes Softwareunternehmen, das vor allem wegen seines Datenbanksystems zu den erfolgreichsten der Welt gehört. In den 2000er Jahren stagnierte Oracle, auch wenn es profitabel blieb, die Cloud-Computing-Revolution verpasste der heute 82-jährige Ellison komplett, doch dann kam der KI-Boom: "Am 9. September 2025 gab Oracles Finanzchefin Safra Catz während der Oracle-Ergebniskonferenz bekannt, dass das Unternehmen im letzten Quartal Verträge mit mehreren namentlich nicht genannten Kunden unterzeichnet habe, die sich auf zukünftige Umsätze aus Rechenzentren in Höhe von insgesamt 317 Milliarden Dollar beliefen. Die Nachricht von diesem plötzlichen Geldsegen versetzte den ohnehin schon überhitzten KI-Markt in Raserei. Am nächsten Tag schoss die Oracle-Aktie um mehr als 43 Prozent in die Höhe - der größte Tagesgewinn seit 1992. Wie das Wall Street Journal aufdeckte, ließen sich jedoch 300 Milliarden Dollar dieser Umsätze auf einen einzigen Kunden zurückführen: OpenAI. Die beiden Unternehmen hatten sich bereits seit Monaten umkreist. Bereits im Januar, an Donald Trumps erstem vollen Tag im Amt, stand Ellison im Weißen Haus neben dem Präsidenten, Sam Altman von OpenAI und Masayoshi Son von SoftBank, um ein Joint Venture für ein Rechenzentrum namens 'Stargate' anzukündigen. Trump strahlte die drei Führungskräfte an, als sie ihre Vision eines 500-Milliarden-Dollar-Projekts darlegten. Am Rednerpult prahlte Ellison damit, dass der Bau eines riesigen Oracle-OpenAI-Rechenzentrums in Abilene, Texas, bereits im Gange sei. ... Dann entwickelte sich eine Frage, die als Gemurmel unter Investoren und Mitarbeitern begonnen hatte, zur einzigen, die zählte: Wie genau wollte Oracle die Nvidia-Chips im Wert von mehreren zehn Milliarden Dollar bezahlen?" Mit Schulden, wie sich herausstellte: Inzwischen beläuft sich die Gesamtverschuldung des Unternehmens auf 130 Milliarden Dollar, im Juli stufte S&P das Kreditrating des Unternehmens auf eine Stufe über 'Junk'-Status herab, und die Aktie ist seit ihrem Höchststand um mehr als die Hälfte gefallen. Das könnte dem Normalbürger schnuppe sein, beängstigend wird es allerdings, wenn der Reporter erklärt, warum ein Scheitern Oracles eher unwahrscheinlich ist: "OpenAI müsste komplett untergehen, damit Oracles Wette auf Rechenzentren vollständig scheitern würde. Und Oracle wirbt bereits mit Erträgen und rühmt sich damit, dass das neueste Modell von OpenAI, Astra, in Abilene trainiert wurde. 'Wenn man auf das letzte Jahr zurückblickt, hielten alle Sam für verrückt, wenn man bedenkt, wie viel Kapazität für den Betrieb von KI erforderlich wäre', sagt Stifel-Analyst Reback. 'Aber zum jetzigen Zeitpunkt ist OpenAI in gewisser Weise zu groß, um zu scheitern.'"
Archiv: Vanity Fair
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