Magazinrundschau

Früher oder später erlischt das Licht

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
08.09.2026. Die LRB erklärt,  warum eigentlich das Militär in Pakistan regiert. In der NYT fragt der Palästinenser Ahmed Fouad Alkhatib, warum die Linke die Hamas liebt. László F. Földényi findet das Licht bei Péter Nádas. Bei Dekoder denkt die belarusische Schriftstellerin Volha Hapeyeva über Identität nach. In The Nation erklärt der linke US-Demokrat Abdul El-Sayed, warum er sich um den Kapitalismus sorgt. Der New Yorker denkt über Klasse, Kultiviertheit und Charme nach.

London Review of Books (UK), 10.09.2026

Asim Munir ist unangefochten der starke Mann Pakistans, schreibt Owen Bennett-Jones in einem dichten, vielschichtigen Porträt des Feldmarschalls und seiner bisherigen politischen Karriere. In Pakistan mischt sich die Armee traditionell in zivile Angelegenheiten ein und lässt immer mal wieder Premierminister verhaften - zuletzt unter anderem den zuvor außerordentlich populären Populisten Imran Khan. Inzwischen hat sich das Machtgefüge im Land in vorher unbekanntem Ausmaß allerdings zugunsten des Militärs verschoben. "Die Generäle argumentieren, dies sei geschehen, weil zivile Regierungen immer wieder versagt hätten, ihre Aufgaben zu erfüllen. Ganz von der Hand zu weisen ist das nicht. Pakistans Politiker sind derart korrupt, dass ihr offiziell ausgewiesenes Vermögen in Milliarden Dollar gemessen wird. Seit Jahrzehnten zeigen sie wenig Interesse daran, schwierige Probleme anzugehen, und überlassen solche Aufgaben stattdessen dem Militär. Zum Beispiel das Problem der sogenannten Geisterschulen: 1998 wurde bekannt, dass Verwaltungsbeamte gefälschte Unterlagen erstellt hatten, um staatliche Gelder für Schulen zu erhalten, die überhaupt nicht existierten. Die tatsächliche Zahl der Schulen in einem Bezirk zu ermitteln, sollte eine einfache Aufgabe sein. Doch Pakistans zivile Bürokratie ist derart dysfunktional und korrupt, dass dies nicht bewerkstelligt werden konnte. Stattdessen bat der damalige Premierminister Nawaz Sharif die Armee, eine Erhebung durchzuführen. In jüngerer Zeit wurden in den sogenannten Stammesgebieten im Nordwesten des Landes erneut Verwaltungsaufgaben an die Armee übertragen. Die halbautonomen Grenzgebiete waren nach dem 11. September 2001 zu einem Rückzugsgebiet für Dschihadisten geworden. 2018 wurde ihr verfassungsrechtlicher Status geändert, um das Gebiet zu befrieden und in das pakistanische Stammland einzugliedern, sodass dort nun Bundesgesetze gelten. So weit, so gut. Doch die Übergabe an zivile Verwaltungsbehörden ist noch immer nicht abgeschlossen. Beamte, Richter und andere Funktionsträger wollen dort nicht leben: zum einen, weil die Region so arm ist, dass es kaum Möglichkeiten gibt, durch Bestechung Geld zu verdienen, zum anderen aber auch, weil sich dort weiterhin Dschihadisten aufhalten, die zivile Verwaltungsbeamte als mögliche Attentatsziele betrachten. Selbst wenn sie dorthin entsandt werden, erscheinen viele Beamte nicht zur Arbeit, sodass die Armee schließlich grundlegende Verwaltungsaufgaben übernehmen musste. Im Gegensatz zu Zivilisten tun Soldaten, was man ihnen zu tun vorgibt."

Africa is a Country (USA), 05.08.2026

Die Antikorruptionsbehörde in Nigeria (EFCC) agiert nur zum Schein, vermerkt bitter der Jurist Obongodu Paul Unanam. Jeder Präsident ernennt einen neuen Leiter, der die Vorgänger strafrechtlich verfolgt und die Verbündeten schützt: "Human Rights Watch stellte fest, dass die EFCC seit ihrer Gründung von mehr als dreißig angeklagten, landesweit prominenten politischen Persönlichkeiten nur vier Verurteilungen erwirkt hat. Vier. In zwei Jahrzehnten. Und das in einem Land, in dem das Nationale Statistikamt schätzt, dass die Korruption die Wirtschaft jährlich über 18 Milliarden Dollar kostet. Ich möchte ehrlich darüber sprechen, wie es sich anfühlt, in diesem Umfeld aufzuwachsen. Man lernt, die Ankündigungen der Staatsanwaltschaft eher als politische Kommunikation denn als Strafverfolgung zu deuten. Wenn die EFCC eine prominente Persönlichkeit der All Progressives Congress (APC) vor Gericht stellt, nimmt man zur Kenntnis, dass die Peoples Democratic Party (PDP) wahrscheinlich irgendwo an Einfluss gewinnt. Wenn gegen PDP-Mitglieder plötzlich Anklagen häufen, schaut man in den Nachrichten nach, wer welche Wahl gewonnen hat. Die Afrobarometer-Umfrage aus dem Jahr 2023 ergab, dass 76 Prozent der Nigerianer glauben, die EFCC erhebe Anklage aufgrund politischer Anweisungen und nicht aufgrund von Beweisen. Das ist kein Zynismus. Das ist Mustererkennung." Und es wird sich nichts daran ändern, solange die EFCC nicht unabhängig ist, glaubt Unanam.
Stichwörter: Nigeria, Korruption

New York Times (USA), 04.09.2026

Ahmed Fouad Alkhatib ist im Gazastreifen aufgewachsen - heute ist er Senior Fellow der Denkfabrik "Atlantic Council". Unermüdlich schreibt er, der im Gazakrieg Familienmitglieder verloren hat, gegen die Hamas an und gehört zu den palästinensischen Stimmen, die wirklich Frieden mit Israel suchen. Um so entsetzter ist er von der Hamas-Sympathie großer Teile der "propalästinensischen" Linken, die zum Teil die "Widerstands"-Rhetorik der Hamas wörtlich übernehmen. Um die Bewohner von Gaza geht es ihnen nicht, denn hier gibt es durchaus Widerstand gegen die Hamas, für die einzelne ihr Leben riskieren. Die Hamas greift gerade auch gegen die eigene Bevölkerung zu brutalsten Methoden. "Während die Gräueltaten weitergingen, machten die Menschen in Gaza trotz der Unterdrückung durch die Hamas immer deutlicher, dass sie von der Gruppe angewidert waren und sie loswerden wollten. Es gab mehrere Runden von Anti-Hamas-Protesten während des Krieges, bei denen gefordert wurde, dass die Gruppe die von ihr ausgelöste Katastrophe beenden, den Gazastreifen verlassen und die Geiseln freilassen solle. Der Widerstand gegen Folter, Extremismus und die gescheiterte Regierungsführung der Hamas ist seit Jahren stark und präsent. Bereits im Jahr 2023 vor dem 7. Oktober sowie in den Jahren 2019 und 2017 kam es zu Massenprotesten gegen die Gruppe, teilweise unter dem Motto 'Wir wollen leben'. Die Hamas unterdrückte diese Demonstrationen brutal. Die Menschen im Gazastreifen waren für jene, die behaupten, sich für das Leben der Palästinenser einzusetzen, offensichtlich nicht wichtig. Vor zwei Monaten gaben 44 Prozent der von Pew Research befragten amerikanischen Muslime an, eine positive Meinung von der Hamas zu haben - eine Zahl, die meiner Meinung nach das tatsächliche Ausmaß der Unterstützung in arabischen und muslimischen Diasporagemeinschaften unterschätzt. Ich kann mich in keinem arabischen, muslimischen oder palästinensisch-amerikanischen Mainstream-Umfeld sinnvoll kritisch zur Hamas äußern, ohne auf Gegenreaktionen oder offene Feindseligkeit zu stoßen."
Archiv: New York Times

New Lines Magazine (USA), 04.09.2026

Das Katharinenkloster, 2010. Foto: Berthold Werner, unter CC-Lizenz


In Ägypten hat ein Gerichtsurteil dem griechisch-orthodoxen Katharinenkloster die Eigentumsrechte aberkannt. Der Streit, über den Rana Mamdouh, Sameh El-Laboudy und Shihab Tariq berichten, ist kompliziert. Das Kloster hat eine lange Geschichte: Es liegt "an den Hängen des Berges Sinai, wo angeblich noch immer der brennende Busch steht, aus dem Gott zu Moses sprach... Es zählt zu den ältesten und berühmtesten Klöstern der Welt. Im vierten Jahrhundert errichtete Kaiserin Helena, die Mutter von Konstantin, dem ersten römischen Kaiser, der das Christentum annahm, eine kleine Kapelle neben dem Busch. Zwei Jahrhunderte später ordnete Kaiser Justinian I. den Bau des Klosters an seinem heutigen Standort an und ließ den Busch in die Kirche einbeziehen, die noch heute 'Kirche des brennenden Busches' genannt wird. Das Kloster trägt den Namen der Heiligen Katharina von Alexandria, die im Jahr 307 den Märtyrertod starb, nachdem Kaiser Maximinus sie wegen ihres unerschütterlichen Glaubens und ihrer Ablehnung des Heidentums zu Folter und Tod verurteilt hatte." Das Gerichtsurteil macht jetzt den Weg frei für den ägyptischen Staat, das umliegende Land für ein geplantes Tourismusprojekt zu nutzen: "Im Mittelpunkt des Streits stehen 71 Grundstücke: das Gelände, auf dem das Kloster selbst errichtet ist, umliegendes Ackerland und offene Wüste sowie Stätten mit Kapellen, Heiligtümern und Einsiedeleien von einzigartigem archäologischem Wert, die über den Berg Sinai, den Katharinenberg, den Mosesberg und die als 'Verklärung' und 'Bittgebet' bekannten Gebirgszüge verstreut sind. In Anerkennung seiner historischen und spirituellen Bedeutung beantragte Ägypten 2002 erfolgreich bei der UNESCO, das Kloster, den Berg Sinai (auch bekannt als Jabal Musa) und die Umgebung in die Liste des Weltkulturerbes aufzunehmen. Es wurde ein Rahmen für die Zusammenarbeit zwischen dem Kloster und dem Obersten Rat für Altertümer Ägyptens in Fragen der Instandhaltung und Restaurierung geschaffen, wobei die Zugehörigkeit des Klosters zur griechisch-orthodoxen Kirche und sein Recht auf Selbstverwaltung nach kirchlichem Recht anerkannt wurden. Dieses Gleichgewicht wurde durch ein kürzlich ergangenes Gerichtsurteil auf den Kopf gestellt, durch das fast die Hälfte der Ländereien des Klosters beschlagnahmt wurde. ... Mit diesem Urteil bekräftigte das Gericht das Eigentumsrecht des ägyptischen Staates an Grundstücken, die die Mönche seit dem sechsten Jahrhundert genutzt hatten, und gewährte ihnen lediglich begrenzte Nutzungs- und religiöse Besitzrechte unter der direkten Aufsicht der ägyptischen Behörden."

Elet es Irodalom (Ungarn), 04.09.2026

Vor knapp zwei Wochen starb der große ungarische Schriftsteller Péter Nádas im Alter von 83 Jahren. In der Wochenzeitschrift Élet és Irodalom nehmen zahlreiche Schriftsteller und Weggefährten Abschied. Hier ein Ausschnitt aus der Würdigung des Essayisten László F. Földényi: "'Aufklärung' war eines seiner Lieblingswörter. Les Lumières. So, auf Französisch, sagte er es gerne. Dabei hob er das Kinn leicht an, um dem Ganzen einen Hauch von Ironie zu verleihen. Aber er meinte es ernst. (...) Aufklärung. Licht in den schmalen Spalt zwischen Schein und Wirklichkeit zu bringen. Die Fotografie erwies sich als geeignetes Mittel. Ebenso das Schreiben. 'Nichts ergibt in dieser Welt mehr Sinn, als dass der Mensch zwei miteinander verbundene Linien aufs Papier zieht oder zwei Wörter nebeneinander schreibt (Freiheit, Liebe) oder zwei Töne. Der Rest ist Scheiße.' Das schrieb er in einem noch handgeschriebenen Brief. 'Aufleuchtende Details' - diesen Titel gab er dem Buch, in dem er sein Heranwachsen bis zum Alter von zwölf Jahren nachzeichnete. (...) Etwas leuchtet dann, wenn ringsum alles unüberwindbar dunkel ist. Und er glaubte daran, dass er diese Dunkelheit durchbrechen könne. Les Lumières. Alles ins Licht rücken. Die unsichtbaren Wurzeln der Ideologien ebenso wie die Dunkelheit unter der Haut. In seinen Romanen sind beide untrennbar miteinander verbunden; es lässt sich nicht entscheiden, wo der Körper endet und wo die Geschichte beginnt. An der Haut? In der Wahrnehmung? Beim Erwachen des Bewusstseins? Gibt es so etwas wie Geschichte überhaupt? Mit seiner Novelle 'Die Bibel', die er im Alter von zwanzig Jahren schrieb, legte er die Messlatte hoch. Die Dunkelheit ist hier wie das Schicksal: Man kann ihr nicht entkommen. Früher oder später erlischt das Licht. Die Vernunft versagt."

Dekoder (Deutschland), 03.09.2026

Was bedeutet es, belarusisch zu sein? Die seit 2020 abwechselnd in Österreich und Deutschland lebende belarusische Schriftstellerin Volha Hapeyeva beschreibt, wie sich ihre Identität im Schreiben formt und dabei die belarusische Sozialisation immer hochkommt  (deutsche Übersetzung auf Dekoder von Tina Wünschmann): "Meine belarusische Identität lebt nicht nur durch die Sprache in mir, sondern auch durch kulturelle Codes, die in der Mehrzahl aus literarischen Werken der Kindheit und aus dem Lehrplan erwachsen sind. Wenn ich an einer Kiefer vorbeispaziere, sage ich im Stillen 'Die Kiefer am Weg' oder 'Wind in den Kiefern', wenn etwas wehtut, lächele ich und murmele 'Tote haben keine Schmerzen', und wenn ich versuche, im Münchner Archiv eine unleserliche Handschrift zu entziffern, denke ich an die Zeilen von Jakub Kolas: 'ein solch Gekritzel mit dem Griffel, dass selbst der Hund es nicht entziffert'. So entsteht eine Erinnerungskette: Da ist die Großmutter, die mich für meine schiefe Handschrift tadelt und die Zeile aus dem Poem des Klassikers zitiert. Da stehen im Haus der Großeltern die gesammelten Werke der Schriftsteller hinter der Glastür des Bücherschrankes. Und da bin ich im Garten, betrachte, statt das Kürbisbeet zu jäten, einen blauen Schmetterling, der im Laub des Pflaumenbaums flattert und singe einen Vers von Bahdanovič: 'Über der Kirsche weißem Flaum'. Aus diesem Grund ist Literatur nicht nur 'schönes Schrifttum', sondern auch etwas, das Teil unserer Identität wird und mit uns reist, um gegen das Gefühl von Einsamkeit und Isolation zu helfen."
Archiv: Dekoder

The Nation (USA), 04.09.2026

Abdul El-Sayed hat die Schlacht um die Bewerbung der Demokraten für den Senatssitz in Michigan mit 0,9 Prozent gegen seine konservativere Parteikollegin Haley Stevens gewonnen. Er gilt als Linker unter den Demokraten. Im Interview mit The Nation erklärt er nun, dass er kein Sozialist sei, im Gegenteil: er sei für Kapitalismus, nur sei der in den USA gerade in Gefahr zu verschwinden: "Wir haben ein korporatistisches System; wir haben kein kapitalistisches System. Lesen Sie noch einmal Adam Smith: Er spricht davon, dass es ohne Moral keine Märkte gibt. Er spricht davon, dass die zentrale Herausforderung für Märkte das Monopol ist, nicht staatliche Regulierung. Tatsächlich braucht man den Staat, um Märkte zu sichern. Derzeit hat der Staat jedoch nicht nur aufgehört, Märkte zu sichern; der Staat ist zu einem System geworden, in dem die größten Akteure durch politische Einflussnahme ihre Gewinne in die Höhe treiben können, was darauf hinausläuft, Märkte zu zerstören. Der Kapitalismus beruht auf freiem Marktein- und -austritt sowie darauf, dass Angebot und Nachfrage den Kapitalfluss steuern. Das haben wir nicht mehr. Ich möchte, dass wir zu einer kapitalistischen Wirtschaft zurückkehren, in der die Menschen wissen können, dass sie bei der Arbeitssuche keiner Monopolmacht ausgesetzt sind und auch als Verbraucher keiner Monopolmacht unterliegen. … Es gibt eine öffentliche Debatte, die noch geführt werden muss, und ein Teil meiner Aufgabe besteht darin, diese öffentliche Debatte in Gemeinden anzuführen, in denen uns gesagt wird, dass wir nicht gewinnen können. Das Problem bei der Art und Weise, wie unsere Partei allzu oft Politik betreibt, ist, dass wir davon ausgehen, dass die Standpunkte der Menschen feststehen, und dann entsprechend handeln - anstatt davon auszugehen, dass die Menschen sich an einer durchdachten Debatte beteiligen wollen, sich mit den übergeordneten Themen unserer Zeit auseinandersetzen wollen und bereit sind, mit uns in einem wohlwollenden Gespräch darüber zu diskutieren, wie die beste Welt aussehen sollte. Vieles von dem, was ich gerade ausprobiere, ist die Fähigkeit, dieses Gespräch an verschiedenen Orten im Bundesstaat Michigan zu führen und die Menschen für diese Politik zu gewinnen."

Im Wahlkampf hat El-Sayed, der Israel alle amerikanische Militärunterstützung entziehen will, kein Hehl aus seiner Kritik an Israel gemacht, das er einen "Ethno-Staat" nennt. Und er hat sich von einem linken Streamer unterstützen lassen, Hasan Piker, ein linker "dirtbag" und Antisemit, der ihm jetzt ein Menge Probleme macht, berichtet Ben Schwartz. "In Pikers Abwandlung der Tradition, den Opfern die Schuld zu geben, ziehen zionistische Juden die Verfolgung selbst auf sich, weil sie sich nicht von Israel distanzieren wollen. Wenn man diese Forderung, zionistische Sympathien aufzugeben - wenn man nicht persönlich Schaden nehmen will -, zusammen mit Pikers Behauptung betrachtet, schon der bloße Glaube an das Existenzrecht Israels setze einen mit 'einem verdammten tollwütigen Neonazi' gleich, wird deutlich, warum er Menschen, die kürzlich in Michigan und im ganzen Land Opfer antisemitischer Gewalt geworden sind, ein wenig nervös macht." Besser wäre es, Figuren wie Piker links liegen zu lassen, auch wenn sie eine große jugendliche Fanbase haben, findet Schwartz: "Das Einzige, was für Linke und Demokraten gleichermaßen zählen sollte, ist, die Zwischenwahlen zu gewinnen und El-Sayed in den US-Senat zu bringen. Piker ist und bleibt im Grunde ein linker 'dirtbag'; und wie zu erwarten, ist er nicht in der Lage, den Mund zu halten und El-Sayed aus dem Weg zu gehen. Wenn Wahlkampfteams wie das von El-Sayed davon ausgehen, dass der Aufbau einer jüngeren linken Wählerbasis damit einhergeht, einen Teil ihrer Botschaften an performative Provokateure wie Piker auszulagern, sollten sie sich nicht wundern, wenn normale Wähler, liberale Widerstandskämpfer und Gemäßigte in die entgegengesetzte Richtung davonlaufen."
Archiv: The Nation

Desk Russie (Frankreich), 06.09.2026

Wie wahrscheinlich ist es, dass Putin demnächst die baltischen Länder oder Polen angreift? Nun ja, äh, ziemlich wahrscheinlich, meint der im Exil lebende russische Autor Ostap Karmodi. Es gibt zwei Parallelen zu der Zeit, bevor Putin 2022 die Ukraine angriff: Damals war er kurz zuvor von dem CIA-Chef William Burns gewarnt worden, der eigens nach Russland angereist war. Und so ist auch der jetzige CIA-Chef John Ratcliffe angereist, wohl um Putin vor Schlägen gegen Nato-Länder zu warnen. Und die zweite Parallele: Vor 2022 war Putin durch den panischen Abzug der Amerikaner aus Afghanistan inspiriert worden. Und eine ähnliche Blamage hat Trump jetzt gegen den Iran erlebt. "Die Einzelheiten dieses amerikanischen Misserfolgs scheinen für Putin noch verlockender zu sein. Einerseits gelingt es den im Persischen Golf stationierten amerikanischen Luftabwehrsystemen - denselben, die auch die NATO-Staaten schützen - offensichtlich nicht, den iranischen Drohnen entgegenzuwirken, die mit den von Russland eingesetzten identisch sind. Zugleich fehlen den Amerikanern Raketen für ihre Abschussvorrichtungen, und sie sind nicht in der Lage, deren Produktion rasch zu steigern. Das bedeutet, dass auch Europa nicht in der Lage sein wird, sich wirksam gegen russische Angriffe zu verteidigen. Auch Europa wirkt schwach. Die europäischen Länder, allen voran Deutschland, haben Aufrüstungsprogramme verabschiedet, doch bislang kommen diese Programme nur schleppend voran. Selbst Europas größtes Rüstungsunternehmen, Rheinmetall, schafft es nicht, seine Produktion rechtzeitig hochzufahren: Die Auslieferung der ersten Charge der bestellten Radarsysteme wurde bereits von Mitte dieses Jahres auf Mitte nächsten Jahres verschoben; das Gleiche gilt für die Lieferungen von gepanzerten Mannschaftstransportwagen. Was das Rheinmetall-Werk zur Herstellung von Granaten betrifft, das diesen Sommer in Betrieb gehen sollte, so hat noch nicht einmal der Bau richtig begonnen." Wenn ein Angriff kommt, dann in den nächsten drei bis sechs Monaten, meint Karmodi. Was Putin seine aktuelle Überlegenheit gibt, seien die "Geran-4"-Drohnen, über die neulich auch in der Zeit berichtet wurde.
Archiv: Desk Russie

The Insider (Russland), 04.09.2026

Moskau verfügte seit jeher über eine rege Comedy-Szene, die sich über Zaren, Generalsekretäre und Präsidenten lustig gemacht hat, und gerade erneut großen Repressionen ausgesetzt ist, erzählt Valentina Matrenina, die für The Insider mit mehreren Komikern gesprochen hat. Ihre Arbeit ist so gefährlich wie je: Bei der leisesten Anspielung auf den Ukraine-Krieg werden Komiker vor Gericht gestellt. Einer von ihnen, Viktor P., erzählt, wie er die Szene aktuell wahrnimmt: "Wann immer ich das Gefühl habe, dass es passt, versuche ich, ein kleines Augenzwinkern einzubauen. Manchmal nehme ich hingegen die Haltung ein, dass alles in Ordnung ist. Wenn ich zum Beispiel merke, dass die Leute im Publikum es verstanden haben, sage ich: 'Amerika ist der reinste Mist.' Jeder weiß, dass das postironisch gemeint ist. Aber technisch gesehen sind das die Worte, die ich gesagt habe. Soweit ich weiß, kennt das Strafgesetzbuch keinen Begriff wie 'Sinn für Humor'. Manchmal wird das Publikum jedoch angespannt, wenn politische Themen zur Sprache kommen. Sie sind gekommen, um sich zu entspannen und peinliche Geschichten über Sex oder die U-Bahn zu hören. Ich sage sogar ab und zu: 'Entspannt euch. Ich komme ins Gefängnis. Euch wird nichts passieren.' Ich bin kein politischer Komiker. Mir ist wichtig, dass die Leute Spaß haben. Einmal kamen nach einer Show ein paar Männer auf mich zu. Sie sagten: 'Das war großartig, es hat uns wirklich sehr gut gefallen. Können wir jetzt ein Foto mit dir machen und es einem Freund schicken? Er leistet gerade seinen Dienst an der Front.' Was soll ich ihnen da sagen? Natürlich, klar. Ich will mich nicht mit ihnen anlegen. Ich möchte bei einer Stand-up-Show nicht versuchen, irgendjemanden umzustimmen oder in eine politische Diskussion zu geraten. Ich sehe mich nicht als jemanden, der das kann, und ich glaube auch nicht, dass das meine Aufgabe ist. Gleichzeitig war ich bei Demonstrationen. Ich wurde festgenommen. Später bin ich ausgewandert, aber ich bin zurückgekommen. Man braucht Geld, um im Exil zu leben, und ich bin kein reicher Mensch."
Archiv: The Insider
Stichwörter: Russland

Guardian (UK), 01.09.2026

Noch bereitet die KI uns vor allem Sorgen aufgrund von Menschen, die sie zu unschönen Zwecken benutzen könnten. Bald aber, meint Snigdha Poonam, könnte das größere Problem darin bestehen, dass die KI selbst unangemessen und gefährlich handelt. Erste Beispiele haben bereits international Schlagzeilen gemacht. Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Die Gefahr hat damit zu tun, so Poonam, wie KI-Modelle trainiert werden. Vor allem ein Element des üblichen Trainingsprogramms ist problematisch: "Die dritte grundlegende Ausbildungsphase ist das sogenannte 'Reinforcement Learning with Human Feedback', kurz RLHF - also bestärkendes Lernen durch menschliches Feedback. Hier trifft der Algorithmus auf echte Menschen: Gutachter, die testen, wie sich ein Modell in einer Vielzahl von Situationen verhält, und seine Antworten bewerten. Dabei geht es weniger darum zu prüfen, was das Modell 'weiß', als darum, wie es auf Eingaben reagiert: Gibt es seine Unsicherheit zu, wenn es eine Antwort nicht kennt? Geht es komplexe Probleme logisch durch? Verweigert es die Beantwortung unsicherer oder gefährlicher Anfragen? Gute Antworten - also korrekte, hilfreiche und sichere - werden positiv bewertet; schlechte werden abgewertet. ... Durch diesen iterativen Prozess lernen die Modelle theoretisch, alles zu vermeiden, was als unerwünscht gilt, etwa schädliche Anleitungen, Vorurteile und Lügen. Die Experten, mit denen ich gesprochen habe, waren sich einig, dass RLHF dabei hilft zu erklären, warum KIs täuschen. Durch diesen Prozess, so der Informatiker Yoshua Bengio, wird es für KI-Modelle zu einem 'impliziten Ziel', positives Feedback von Menschen zu erhalten. Doch wie wir aus unserem eigenen Leben wissen, bringt es einem nicht unbedingt positives Feedback ein, wenn man wahre, aber unerwünschte Informationen vermittelt. Einem Menschen dagegen zu sagen, was er hören möchte, kann - selbst wenn es nicht der Wahrheit entspricht - ein wirksamer kurzfristiger Weg sein, seine Gunst zu gewinnen."
Archiv: Guardian
Stichwörter: KI, Autonome KI

AnOther (Britannien), 07.09.2026

So erstaunlich wie schön, wie sich internationale Medien auf Sandra Hüller stürzen - wer, wenn nicht sie, hätte diese Aufmerksamkeit verdient? Im britischen Modemagazin AnOther porträtiert nun Hannah Lack die Schauspielerin und ist sichtlich fasziniert von einer Karriere, die von Shakespeare in Konstanz über den europäischen Festivalfilm bis zuletzt zum US-Blockbuster geführt hat und dabei immer wieder flexibel genug für experimentellere Filmformen ist. Wie findet die Schauspielerin eigentlich ihre Figuren, fragt Lack. "'Ich habe sehr wenige Rituale, um mich mit meinen Figuren zu verbinden, im Grunde sogar gar keine', erzählt sie. 'Ich denke einfach, dass sie irgendwann anfangen, mit mir zu leben. Das läuft völlig unbewusst ab. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich über sie nachdenke, oder dass ich auf der Straße jemanden sehe und mir denke, dass es da eine Verbindung geben könnte, oder ich höre ein Stück Musik. Es ist ein wenig wie selektive Aufmerksamkeit, eine milde Form der Obsession mit jemandem. Sie sind immer an deiner Seite und es geht dabei vor allem um den einen ganz speziellen Punkt der Verbindung. Wenn ich den zu packen kriege'- oder wenn ich ihn nicht finde, dann versuche ich, den Grund dafür herauszufinden - ist das schon die Hauptarbeit. Dann ist die Vorbereitung für mich im wesentlichen gelaufen.' Sie macht eine Pause. 'Manchmal erzählt mir die Figur sehr eindeutig, dass sie mit mir nichts zu tun haben will, dass sie nicht gelesen und auch nicht verstanden werden will. Dann muss ich sie in Ruhe lassen und einfach am Set auftauchen, um dort irgendetwas selbst zu erschaffen. Manchmal ist es so, als ob sie ihre Geheimnisse nicht preisgeben wollen.'"
Archiv: AnOther
Stichwörter: Hüller, Sandra

Dissent (USA), 27.08.2026

Die New Yorker New School, einst ein Hort dissidenter, freier Denker, steht zunehmend unter Beschuss, wie der Professor Jeremy Varon für das Dissent Magazine festhält. Immer mehr Lehrpersonal wird in Teilzeit oder befristet eingestellt, immer mehr muss gespart werden, die Führungsriege entlässt mittlerweile auch Professoren mit tenure, also solche, die auf Lebenszeit berufen sind. Diese Entwicklungen gehören zwar zur Trump-Regierung, aber die Universität tut auch nichts, um sich dem entgegenzustellen, wie Varon kritisch anmerkt: "Die Angst vor Repressalien der Regierung oder Druck seitens der Spender ist ernst. (Und wie in Harvard festgestellt wurde, führen auch erfolgreiche Gerichtsverfahren nicht unbedingt dazu, dass das vorenthaltene Geld tatsächlich wieder zurückkommt. Das zu überwinden und mit Rückschlägen umzugehen, erfordert Mut, Intelligenz und Wissen, das die Uni-Präsidien einfach nicht haben. Das Resultat ist eine verzwickte Ironie: Genau in dem Moment, in dem die Vereinigten Staaten beispiellose Bedrohungen der Demokratie erfahren, bringt eine so wichtige bürgerliche Institution wie die Universität die eigene Stimme zum Verstummen. Genau das sind autoritäre Verhältnisse."
Archiv: Dissent

New Yorker (USA), 14.09.2026

Adam Gopnik macht Ross Posnocks nach diesem Phänomen benannten Buch Gedanken darüber, was "American Sophistication", unvollkommen übersetzt mit "amerikanische Kultiviertheit", eigentlich bedeutet, was für eine Haltung damit gemeint ist. Der Begriff ist für ihn gar nicht so leicht zu fassen: "Die einzigen Amerikaner, die jemals glaubwürdig - und nicht spöttisch - als 'Duke' und 'Count' bezeichnet wurden, waren schwarze Musiker, die ihr erschöpftes Leben in Bussen und Zügen sowie in segregierten Imbisslokalen verbrachten. Gleichzeitig betrachtete die WASP-Elite die von Zylinder und Frack geprägte Kultiviertheit à la Astaire als amüsant gekünstelt und unecht, während sich ihre eigene Kultiviertheit in leicht ausgefransten Hosen, Weißbrot-Sandwiches und Anzügen zeigte, die sie schon seit einem halben Jahrhundert trugen. (Es gibt eine ganze Welt von WASP-Ferienorten, deren positiver Wert gerade in ihrer schlichten Schäbigkeit liegt.) Nur ein wahrhaft kultivierter Geschmack erkennt nach diesem Kodex die Überlegenheit der Entbehrung gegenüber den eher ethnisch geprägten Vorstellungen von tatsächlichem Komfort und gutem Essen. ... Doch fehlt in Posnocks Darstellung amerikanischer Kultiviertheit nicht eine aufschlussreichere Idee, die diese vielleicht am deutlichsten von älteren europäischen Formen unterscheidet? Seit der Renaissance beruht das europäische Ideal auf dem Streben - oder vielmehr dem Nicht-Streben - nach 'Sprezzatura', einer ungezwungenen Anmut, ein Ideal, das Posnock anerkennt und würdigt. Das wohl großartigste Bild von Kultiviertheit, das je geschaffen wurde, ist Raffaels Porträt von Baldassare Castiglione aus dem Jahr 1514, das sich heute im Louvre befindet und diesem Ideal seinen Namen gab. ... Doch Castigliones 'Sprezzatura' ist, obwohl menschlich, an sich nicht charmant. Die amerikanische Raffinesse hat ihre eigene Sprezzatura - Astaire machte daraus eine Kunst -, doch charakteristischerweise kehrt sie diese Mühelosigkeit nach außen, verwandelt sie in Charme, etwas Einschmeichelndes und demokratisch Anmutendes. Charme ist es, was die Anstrengung des Emporkömmlings in eine gesellschaftliche Gabe verwandelt. Wie der Cambridge-Kritiker Adrian Poole und andere beobachtet haben, verwendet Henry James den Begriff 'Charme' immer wieder, fast schon obsessiv, so wie Shakespeare 'süß' als höchstes Lob einsetzt. Er gehört zu James' eigener unausweichlicher Amerikanität und zu seinem Bestreben, einen amerikanischen Stil zu skizzieren."
Archiv: New Yorker