9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturmarkt

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2026 - Kulturmarkt

Was ist im Zeitalter von KI eigentlich noch ein Buch (und damit ein verwertbares Produkt), fragt sich in der Zeit Leon Lindenberger. Die Verlage haben zur KI noch eine leicht schizophrene Einstellung: Einerseits nutzen sie KI für die Verlagsarbeit und teilweise auch schon für die Übersetzung. Von den Autoren erwarten sie jedoch eine gewisse Reinheit: "Ohne KI"-Sticker kleben jetzt auf vielen Jugendbüchern, bemerkt Lindenberger. "Am gelassensten äußern sich auch in den Gesprächen für diesen Text die Professorinnen und Professoren der führenden literarischen Schreibschulen. Ulrike Draesner vom Deutschen Literaturinstitut Leipzig und Guido Graf vom Literaturinstitut Hildesheim plädieren für einen produktiven Umgang mit der neuen Technologie. ... Man wolle in Leipzig ab dem Bewerbungslauf 2027 zwar eine KI-Grenze von fünf Prozent für die eingereichten Schreibproben vorgeben, es sei aber klar, dass kein Detektor mit dieser Präzision messen kann. Und dass ja ohnehin offenbleibt, was das genau bedeuten soll, fünf Prozent. Es sei, sagt Draesner, ein Appell. Meist sei beim Lesen der Texte sofort spürbar, ob ihre Tiefe echt oder vorgetäuscht ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.10.2026 - Kulturmarkt

Heute beginnt die Frankfurter Buchmesse. Juergen Boos gibt nach 21 Jahren die Messeleitung ab. Die Messe, die in den letzten Jahren ein Schatten ihrer selbst war - zumindest für Fachbesucher -, wird völlig umstrukturiert, erzählt Andreas Platthaus im Leitartikel der FAZ. Der Hallenplan wird geändert, um den Andrang des Publikums zur tendenziellen KI-Ware der "New Adult"-Literatur zu regulieren. "Die vor zwei Jahren erfolgte Einbeziehung der Halle 1, in der die besonders attraktiven New-Adult-Verlage konzentriert wurden, trug wenig zur Entspannung bei. An den beiden Fachbesuchertagen herrschte dort gähnende Leere, an den drei offenen permanente Überfüllung. Deshalb werden die New-Adult-Verlage jetzt über die Hallen 3, 4 und 5 gestreut, und zwar jeweils in den Erdgeschossen, um die große Masse der Besucher gar nicht erst auf Treppen kommen zu lassen. Nur, wer von den Ausstellern will dann noch in die oberen Ebenen, wo mit Zufallspublikum nicht mehr zu rechnen ist?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.10.2026 - Kulturmarkt

Nächste Woche ist also Buchmesse. Für die SZ checkt Marie Schmidt in vielen Gesprächen in "Buch zwei" die traurige Lage auf dem Buchmarkt - wird überhaupt noch gelesen? "Allen, die von Büchern leben, schwinden die Existenzgrundlagen. Das hat auch Einfluss darauf, was wir noch zu lesen kriegen, was überhaupt noch geschrieben werden kann. Der Wandel entgeht einem leicht, denn die Welt der Bücher verschwindet nicht plötzlich mit einem großen Knall. Erst einmal bröckelt der Buchmarkt an den Rändern: Verluste hier, eine Existenzkrise da, eine Leerstelle dort. Man kann oft kaum erkennen, wie dieses Bröckeln zusammenhängt mit fundamentalen Veränderungen."
Stichwörter: Buchmarkt

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2026 - Kulturmarkt

Julia Encke und Tobias Rüther unterhalten sich für die FAS mit Reinhold Neven Du Mont, Helge Malchow und Kerstin Gleba über drei Generationen Kiepenheuer & Witsch. Auch die traurige Episode der Fatwa gegen Rushdie wird kurz erwähnt (aber die Interviewer fragen nicht nach, Rushdie erinnert sich in "Joseph Anton" sehr kritisch an KiWi). Zu den aktuellen Herausforderungen sagt Gleba: "Ich glaube, der Kontinent, den es jetzt zu erkunden gilt, ist KI, mit all den Implikationen, die da sind: Wie können wir uns da weiterentwickeln? Wie können wir standhalten, und wie können wir das schützen, was wir für schützenswert halten, nämlich die menschliche Kreativität, das Vertrauen der Autorinnen und Autoren in uns und auch das Vertrauen des Publikums, dass das, was sie von uns bekommen, von Menschen erzeugte Werke sind. Ich kann mir gut vorstellen, dass es dem Buch ergehen könnte wie der Schallplatte. Sie war praktisch aussortiert, und mittlerweile werden wieder mehr Vinyls verkauft als CDs."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2026 - Kulturmarkt

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Der Literaturhistoriker Steffen Martus ("Erzählte Welt") versucht in einem Essay für die FAZ dem Wandel im Betrieb auf die Spur zu kommen. Zwei Phänomene beschäftigen ihn dabei, der Umzug des S. Fischer Verlags nach Berlin und der Erfolg Caroline Wahls. Seine Beschreibung des Wandels reicht aber kaum über das übliche hinaus - wir haben es mit Kommerzialisierung und Verflachung zu tun, wie er an der Rezeption des neuesten Wahl-Romans erkennt: "Die Zeitungsbeiträge zum neuen Roman sind auffällig häufig keine klassischen Rezensionen. Stattdessen gibt es viele Interviews, Podcasts mit der Autorin, Texte über die Begegnung mit ihr oder zumindest Artikel, die der Person und deren Meinungen erheblichen Platz einräumen. Ein erheblicher Teil der Literaturkritik geht also nicht auf Distanz, bemüht sich weniger um Abstand und darum, Sachlichkeit zu signalisieren. Stattdessen sucht die Presse die Nähe zur Autorin - oder vielleicht besser: zu literarischer Celebrity und Personality."
Stichwörter: Martus, Steffen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2026 - Kulturmarkt

Der Carlsen Verlag hat Klage gegen den Anbieter von ChatGPT eingereicht, nachdem er feststellte, dass man mit ChatGPT die Druckvorlage eines "neuen Bilderbuchs erstellen kann, das sich bei den Figuren, in der Handlung und stilistisch beim 'NEINhorn' von Marc-Uwe Kling und Astrid Henn bedient, auch deren Namen nennt und überhaupt mit Verlagslogo und ISBN aussieht wie ein Originalbuch", berichtet Fridtjof Küchemann, der sich in der FAZ von Fachanwalt Felix Stang erklären lässt, was überhaupt geschützt werden kann: "Der Text als Sprachwerk, die Illustrationen als Werke der bildenden Kunst. Geschützt ist nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs auch die literarische Figur selbst, wenn der Autor ihr durch die Kombination von ausgeprägten Charaktereigenschaften und besonderen äußeren Merkmalen eine unverwechselbare Persönlichkeit verleiht, wie etwa Astrid Lindgren bei Pippi Langstrumpf. Das NEINhorn steht dem in nichts nach. Schutz genießt bei literarischen Werken außerdem die Fabel, also die eigenpersönlich geprägte Charakteristik und Rollenverteilung der handelnden Personen, der Gang der Handlung, die 'Szenerie'. Wer diese Elemente übernimmt, verletzt das Urheberrecht auch dann, wenn er den Wortlaut einer Geschichte ändert oder einen Fortsetzungsband schafft. Urheberrechtlich nicht geschützt sind hingegen bloße Ideen oder der Stil."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2026 - Kulturmarkt

Andreas Platthaus atmet in der FAZ auf. Eine aktuelle Studie im deutschsprachigen Raum hat ergeben: Mehr als siebzig Prozent der 6400 Befragten lesen regelmäßig mindestens eine Stunde die Woche. Am meisten lesen junge Menschen, erfahren wir. "Besonders interessant wird die Studie dadurch, dass auch die politische Selbstverortung der Teilnehmer erfragt wurde. Als extrem unterschiedlich erwiesen sich die Lesepräferenzen von Links und Rechts. Letztere Gruppe liest doppelt so viele historische Sachbücher, und ein ähnliches Verhältnis ergibt sich bei historischen Romanen und Ratgebern; umgekehrt verhält es sich bei literarischen Neuerscheinungen und politischen Sachbüchern. Einig sind sich die politischen Extreme in ihrer jeweils mehrheitlichen Meinung, dass KI eher schade als nutze."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2026 - Kulturmarkt

Gedruckte Bücher sind - außer es geht um "destruktives Scannen" - nicht mehr so en vogue. Aber Hörbücher boomen. Ja, das beinhaltet auch eine Komplexitätsreduktion, erläutert der Literaturwissenschaftler Günther Stocker im Gespräch mit Barbara Vorsamer von der SZ: "Ein schwedischer Kollege, Karl Berglund, hat dazu eine große Studie gemacht. Er verglich die Bestsellerlisten von Hörbüchern und gedruckten Büchern in Schweden - und sie überschnitten sich kaum. Nicht mal ein Viertel war identisch. Die Hörbuch-Bestseller hatten kürzere Texte, mehr direkte Rede, mehr Dialoge, sehr handlungsgetrieben. Die gedruckten Bestseller waren dagegen lexikalisch vielfältiger, syntaktisch komplexer, mit längeren Sätzen und komplexen Satzgefügen. Unsere Fokusgruppen-Interviews bestätigen das. Anspruchsvolle Literatur wird nicht so gerne gehört." Allzu einfach darf man es sich aber nicht machen, so Stocker, denn wer viele Hörbücher hört, liest in der Regel auch viel.
Stichwörter: Hörbücher

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2026 - Kulturmarkt

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Auf Zeit Online blickt der Literaturwissenschaftler Steffen Martus mit Hilfe von Buchwissenschaftlerin Laura McGraths Buch "Middlemen - Literary Agents and the Making of American Fiction" (bisher nicht auf Deutsch erhältlich, hier in Englisch) auf die Spezies der Literaturagenten. Sie sind es, die an zustandegekommenen Vertragsabschlüssen nochmal ordentlich mitverdienen. "Vorschüsse sind das wesentliche Verhandlungsobjekt von Literaturagenturen. Sie steigen derzeit für einige wenige Autoren - Caroline Wahl soll für ihren letzten Roman einen Vorschuss in Millionenhöhe erhalten haben. Der Wettbewerb wird in Zeiten schwindender Buchkäufer härter. Verlagstreue versteht sich nicht von selbst. Entscheidend ist: Mit einem lukrativen Vorschuss verpflichtet sich ein Verlag auf weitere Investitionen, um die Erfolgsprognosen auch wahr werden zu lassen. Ziel ist ein Dominoeffekt. Hohe Vorschüsse generieren idealerweise hohes verlegerisches Engagement; die Werbemaßnahmen sorgen für Aufmerksamkeit; dieser Erfolg weckt das Interesse ausländischer Verlage; und am Ende wartet die Verfilmung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2026 - Kulturmarkt

Zu den traurigsten Artikeln gehören solche, in denen Gelehrte erzählen, wie sie ihre Bibliothek auflösen. Diesmal ist in der (auch nur virtuellen) Tiefdruckbeilage der FAZ der Historiker Valentin Groebner dran: "'Schöne Bücher', hatte der Antiquar auf meine Anfrage geantwortet, 'interessieren mich immer.' Er kam morgens in mein Büro zu Besuch, ein freundlicher älterer Herr mit scharfem, schnellem Auge. Zu meinen vielen dicken Bänden zur Schweizer Geschichte zuckte er nur die Schultern. 'Will niemand', sagt er knapp, 'habe ich schon.' Englisch lese seine Kundschaft nicht, für Wissenschaftsgeschichte interessierten die sich auch nicht; sehr wohl aber für die schönen Bücher, es müsse nicht unbedingt Geschichte sein, auch über Architektur, Theorie, Gegenwartsliteratur und Lyrik in gut erhaltenen Taschenbuchausgaben. Am Schluss packte er vierzehn große Papiertüten voll - '250, okay?' Ich nickte ergeben. Wahrscheinlich hätte ich 300 sagen sollen, aber ich war irgendwie eingeschüchtert von so viel rasantem professionellen Geschäftssinn." Es dürfte sich immerhin um Schweizer Franken handeln.
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